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Leben in einer Diktatur und Sehnsucht nach Freiheit – Flucht aus der DDR: Teil 2

ein Interview von Juliette Domgall, Q12

Vor einiger Zeit erschien der 1. Teil des Interviews, das man hier nachlesen kann.

„Freiheit ist doch das höchste Gut im Leben“

Im ersten Teil des Interviews von L. Bräuer über seine Flucht aus der DDR in die BRD haben wir einiges über die damalige Lebenssituation des „Grenzverletzers“, seinen Weg bis hin zur Flucht und den Abschied von seinen Mitmenschen erfahren dürfen. Zuletzt erzählte uns L. Bräuer zudem, für welches „Gepäck“ er sich vor seiner Abfahrt in die Freiheit entschied. Doch ist unserem Interviewpartner die Flucht in die BRD gelungen? Im zweiten Teil könnt ihr nun erfahren, ob es womöglich Komplikationen während der Flucht gab und ob L. Bräuer Konsequenzen aufgrund seiner Republikflucht ertragen musste. Neben den Risiken, sein Leben aufs Spiel zu setzen, klärt er uns in dieser Fortführung des Interviews darüber auf, ob er seinen Fluchtversuch bereut, ob er psychische Folgen nach der Flucht hatte und wie er die Wende miterlebte.

Herr Bräuer, wie verlief Ihre Flucht?

Mein erster Flugansatz spielte sich wie folgt ab. Ich war erst einmal an die tschechische Grenze gefahren, wo ich zunächst unter Schikanen ausgefragt wurde. Ich musste mein Motorrad komplett zerlegen und die Verkleidungen abnehmen, damit auch ja sicher gegangen werden konnte, dass ich nirgendwo etwas versteckt hatte. Dann wurde nach D-Marks und sonstigen Papieren gesucht, eben auf irgendeinen Hinweis einer Flucht. Ich war natürlich aber intelligent genug, nichts dabei zu haben. Ich wurde dann stundenlang an der Grenze aufgehalten, wobei letztendlich selbstverständlich nichts gefunden wurde. Dann durfte ich alles wieder einpacken und bin anschließend im strömenden Regen weitergefahren. In Tschechien habe ich in einer Pension übernachtet, bevor ich am nächsten Tag nach Ungarn weitergefahren bin. Dort bin ich in einem Lager am Plattensee in Zanka angekommen. In diesem ehemaligen Pionierlager wurden die DDR-Bürger erst einmal untergebracht, damit die Menschen eine Unterkunft hatten. Mein Motorrad konnte ich ebenfalls abstellen und später habe dann mit achte fremden Leuten in einem Zimmer übernachten können. Viele mögen jetzt vielleicht denken, naja, mit acht Menschen, die Einem fremd sind, übernachten – keine schöne Vorstellung. Ich war aber ganz froh, dass ich diesen Schlafplatz hatte und es was zu essen gab und ich nicht unter der Brücke schlafen musste. Zunächst war also alles erstmal gut soweit. Zu meiner Unterkunft sind dann bekannte Freunde gekommen, die 1984 per Ausreise in die BRD gegangen waren. Meine Bekannten haben in Erding gelebt und haben mich in dem Lager besucht. Also zunächst erstmal gesucht, es war ja nicht ganz so einfach, jemanden unter ca. 4000 Menschen zu finden. Als sie mich schließlich gefunden hatten, schmiedeten wir einen Plan, wie ich über die Grenze flüchten könne. Wir sind kurz darauf eines Abends losgefahren, ich hatte meine Motorradlederkombi an, habe meine Klamotten und mein Motorrad stehen gelassen und bin bei ihnen ins Auto eingestiegen, womit wir dann Richtung Grenze gefahren sind. Die Grenze war schon vorher bewacht, wo wir sogar in eine Grenzkontrolle gerieten. Dort dachte ich, jetzt haben sie mich. Ich weiß noch, wie ich mich hinter dem Rücksitz versteckt und ganz klein gemacht habe und entweder war der Grenzwächter so nett und wollte mich nicht sehen, denn es wurden nur die vorne Sitzenden kontrolliert, oder ich hatte einfach Glück. Meine Freunde meinten dann zu den Grenzwächtern, sie würden sich die Gegend anschauen wollen, hatten irgendwelche Ausreden, und dann durften wir weiterfahren. Es war schon dunkel, als wir danach an einen Waldrand gefahren sind, wo ich erstmal in den Kofferraum gestiegen bin, um nicht direkt entdeckt zu werden. Dann sind wir direkt und ziemlich nah an die Grenze gefahren. Daraufhin wollten sich die beiden erstmal die Grenzregion etwas genauer anschauen und ich sollte in der Zeit im Straßengraben warten. Dort habe ich dann auf meine Freunde gewartet, während sie Richtung Grenze gefahren sind, und leider, es gab ja noch keine Handys mit denen wir uns im voraus informieren hätten können, haben wir uns eine Gegend rausgesucht, wo wenig Wald war, Hunde mit meterlangem Laufleinen vor Ort waren, und die Grenzer tatsächlich auch Gewehre im Anschlag, also am Rücken, mit sich herumtrugen, um jederzeit schießbereit zu sein. Die Gegend war also absolut ungeeignet. Da haben wir dann beschlossen, das Ganze abzubrechen, weil es einfach zu gefährlich war. Wie gesagt, mein Leben wollte ich nicht aufs Spiel setzen. Die beiden haben mich dann zurück zum Lager gefahren, und als ich zurückkam, musste ich zunächst leider feststellen, dass mein Mottorad in dieser Nacht gestohlen worden war, was natürlich hart war, wenn man dann sozusagen gar nichts mehr hatte. Darüber war ich auch sehr traurig, bin nach all dem entmutigt in das Lager rein und habe mit meinen Bekannten aus Erding ausgemacht, dass sie das darauffolgenden Wochenende wieder kommen sollten. Sie wollten sich in dieser Zeit besser erkundigen, ob und wo es eine bessere Stelle gäbe, um die Flucht anzutreten. Ich wartete dann bis zu dem Wochenende ab, doch in der Zwischenzeit wurden wir 4000 Menschen, die den Fluchtgedanken teilten, in einer Turnhalle zusammengebracht, da es wohl Neuigkeiten gäbe. Dort wurde uns von den Leuten vom bayerischen Roten Kreuz bekannt gegeben, dass wir alle ausreisen dürften. Kohl und Genscher hätten verhandelt, dass wir alle rauskommen. Keiner sollte mehr irgendein Risiko eingehen. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis wir alle in die BRD kommen würden. In dem Lager wurde später auch eine Botschaft eingerichtet, wo wir alle unsere Ausweise und Reisepässe bekommen haben und dann hat es wirklich nur noch fünf, sechs Tage gedauert, bis es losging. Ich habe meinen Freunden für das kommende Wochenende natürlich auch abgesagt, sie würden nicht mehr vorbei kommen müssen, weil sich das Risiko nicht mehr rentierte. Und dann sind tatsächlich 80 österreichische Busse vorgefahren und haben das ganze Lager leergeräumt. Da bin ich dann mit meinen zwei Motorradkoffern, die ich ja noch übrig hatte, meinem Rucksack und meinem Helm in den Bus eingestiegen und Richtung Trostberg gefahren, was unser erstes Aufnahmelager in der Bundesrepublik war. Angekommen ging es dort zunächst sehr turbulent zu. Ich hatte grad meine Unterlagen alle beisammen, als eine Bombendrohung kam. Dafür hatte die Stasi gesorgt, um uns nochmal alle in Aufruhr zu versetzen. Wir mussten damals alles stehen und liegen lassen und wurden evakuiert. Doch auch dieses heillose Chaos haben wir überstanden. Zwei bis drei Tage später habe ich dann ein Ticket für den Zug zu meinem Onkel nach Hamburg bekommen und bin dann damit durch die ganze Bundesrepublik zu ihm gereist.

Hatten Sie Angst vor Konsequenzen?

Selbstverständlich. Die Angst war immer ein treuer Begleiter auf meiner „Reise“. Ich habe damals eine Republikflucht begangen und diese war mit viele Jahren Gefängnisstrafe ausgesetzt. Die Angst vor möglichen Konsequenzen saß mir also immer im Nacken.

Haben Sie ihre Flucht bereut?

Nein, keinen einzigen Tag.

Ich hatte damals meine Eltern in Hamburg am Bahnhof abgeholt, die zur Silberhochzeit meines Onkels kommen durften, während ich mich schon in der BRD aufhielt. Wir sind dann später gemeinsam zu den Freunden nach Erding gefahren, wo es schließlich nicht nur für mich, sondern auch aus arbeitstechnischen Gründen für meine Eltern besser als in der DDR war. So sind wir dann in der Gegend sesshaft geworden. Zuerst haben wir in einer Pension Zuflucht gefunden, die uns auch zunächst bezahlt wurde, was wir später zwar zurückzahlen mussten, aber es war zumindest erstmal eine Unterkunft. Dort haben wir dann auch erfahren, dass die Grenzen geöffnet wurden. Das war für uns erst einmal ganz fremd und erstaunlich, dass da Menschen auf der Mauer standen, diese kaputt machten und einfach rübergingen, nachdem ich ja die ganze Fluchtsituation erfahren und die Flucht in Angriff genommen hatte. Aber selbst da war keine Spur eines Gefühls von einem Wunsch, wieder zurück zu wollen. Ich habe ja auch eine super Arbeit gefunden und keinen Tag bereut, bis heute nicht.

Waren Sie vor der Wende nochmal in der DDR?

Ja, ich war gleich 1989 zu Silvester mit dem Zug nach Dresden gefahren, um meine Freunde zu sehen, weil ich es einfach nicht glauben konnte, dass die Grenzen wieder offen waren. Das war sehr erstaunlich.

Wozu brauchte man Ihrer Meinung nach mehr Mut, zu bleiben oder zu gehen?

Ich denke zum Gehen brauchte man mehr Mut. Das Bleiben war insofern einfacher, weil man das Risiko, getötet oder eingesperrt zu werden, nicht hatte. Wären die Grenzen zugeblieben, hätte jeder selbst entscheiden müssen, ob er/sie seine Gesundheit und Freiheit aufs Spiel setzten möchte, um mehr Freiheit zu erhalten. Viel freier als vorher zu sein, reisen zu könne, dafür aber so ein hohes Risiko einzugehen, das hätte jeder selbst für sich abwägen müssen, so wie es auch die Leute taten, die wie ich vor der Wende eine Grenzflucht begingen.

Kannten Sie Menschen, die bei ihrer Flucht gestorben sind oder Konsequenzen durch ihr Handeln erfahren mussten? *

Jemand, der bei seinem Fluchtversuch sterben musste, kannte ich nicht. Ich hatte jedoch eine/n Bekannte/n, die/der etwas später nach meiner Flucht versucht hat, über Polen in die deutsche Botschaft in der BRD zu kommen. Die Person war im Winter durch die Neiße geschwommen, um nach Polen zu kommen und wurde dort jedoch von polnischen Grenzbeamten aufgegriffen. Diese haben ihr/ihm anschließend gesagt, sie würden sie/ihn in die Botschaft bringen, haben sie/ihn dann aber in einem LKW in die DDR zurückgebracht. Dort wurde die Person von der Stasi erwartet, die ihre/seine Zähne ausschlugen und ihre/seine Knie mit Eisenstangen demolierten. Sie/er meinte, sie/er lag, ohne zu wissen wie lange, in einem Viehwagon mit anderen, die ebenfalls flüchten wollten, tagelang eingesperrt. Versorgt wurde er/sie nur mit Trinken. Bis heute hat die Person seelische Probleme aufgrund dieses Vorfalls.

Können/konnten Sie bei sich auch psychischen Folgen nach der Flucht beobachten?

Ich sag mal so, mich hat die ganze Flucht gestärkt. Mir wurde Gott sei Dank kein körperlicher Schaden zugefügt. Mich konnte das mental stärken. Wenn heute irgendwelche Probleme auftauchen, die vielleicht nicht ganz so schön sind, geh ich auch da gestärkter hervor und kann verschiedene Situationen auch lockerer wegstecken als andere Menschen, denke ich.

Wie haben Sie den Tag des Mauerfalls erlebt, Herr Bräuer?

Wie ich vorhin schon angerissen hatte, war es erstaunlich, wahnsinnig, dass da die Mauer gefallen ist.

Ich habe mich aber wirklich für jeden gefreut. Freiheit ist doch das höchste Gut im Leben. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, da so eingesperrt zu sein. Sicher lebte man nicht

In einem Gefängnis, aber allein der Gedanke, das ich heute hingehen darf, wo ich will, in die USA fliegen kann, wenn ich das unbedingt möchte, dann geht das. Das war damals ja nicht möglich. Ich weiß noch ganz genau, wie wir damals am 09. November 1989, wie jeden Abend, Nachrichten geschaut haben, und beobachten durften, wie dieses Missverständnis, ausgesprochen von Günter Schabowski die Grenzen öffnete. Unfassbar.

32 Jahre Deutsche Einheit, wie fühlt sich das für Sie an?

Für mich, ich bin beruflich sehr viel in Deutschland unterwegs, fühlt es sich jedes Mal gut an, wenn ich zum Beispiel auf Autobahnschildern Stuttgart oder Heilbronn lese, diese ganzen westdeutschen Gebiete und Städtenamen. Ich habe auch viel in Berlin zu tun und gehe dort auch fast jedes Mal durch das Brandenburger Tor, vor dem ich früher als kleiner Junge immer davor gestanden bin. Es ist jedes Mal wunderschön.

Trotz Mauer, Stacheldraht, Schießbefehl und schwerer Konsequenzen nahmen viele DDR-Bürger das Risiko auf sich, zu flüchten.  Die Flucht in den Westen stimmt in gewisser Weise sehr gut dem Sprichwort „Viele Wege führen nach Rom“ zu, da hier die Möglichkeiten vielfältig waren, sowie auch die Gründe für solch eine Tat, die sich sehr individuell gestalteten. Nachdem die SED das Grenzregime ausbaute, ihre Kontrollsysteme ausweitete und mehr Personal zur Grenzsicherung herangezogen wurde, konnten in den 1980er Jahren ca. 80% der Grenzverletzer bereits vor Erreichen der Grenze verhaftet werden. L. Bräuer hat es geschafft und wurde mit seiner erfolgreichen Republikflucht zum Zeitzeugen für uns. Jemand, der uns vielleicht etwas näher bringen kann, wie gut wir es haben und welches Privileg wir heute in Deutschland genießen, in Freiheit leben zu können. Vielen Dank Herr Bräuer für das aufschlussreiche und interessante Interview.

*Hier wird aus Datenschutzgründen kein Name oder Geschlecht genannt.

32 Jahre Mauerfall & wiedervereinigtes Deutschland – oder doch nicht ganz?

Tausende Menschen jubeln sitzend oder stehend auf der Berliner Mauer – einer Mauer und Trennline zwischen der vierzig Jahre lang getrennten ehemaligen BRD und DDR. Die Bilder aus der Nacht vom 9. November 1989 werden verbunden mit Freude, Spannung, Freiheit und allen voran mit einem Ende der deutschen Teilung. Doch mit Blick auf sowohl die Jahre zur Zeit der Mauer als auch auf die Jahre danach stellt sich die Frage:  Inwiefern kann man Deutschland heutzutage 32 Jahre nach Mauerfall wirklich als vereinigt bezeichnen?

Rückblickend konnte man vermutlich schon zu Beginn feststellen, dass sich nach der Aufteilung Deutschlands durch die vier Besatzungsmächte nach Kriegsende 1945 und schließlich der Gründung der Bundesrepublik Deutschlands (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die beiden Staaten in verschiedene Richtungen bewegen würden. Denn somit gab es nicht nur zwei Staaten unter unterschiedlicher Führung, sondern auch hinsichtlich der politischen Systeme sowie der Wirtschaft wurden die Unterschiede zwischen den beiden Staaten im Laufe der Jahre zunehmend größer. Während auf der einen Seite die BRD eine Westintegration anstrebte und sich zu einer parlamentarischen Demokratie entwickelte, baute sich auf der anderen Seite in der DDR eine politische Führung unter der SED nach marxistisch-leninistischem Vorbild auf. Im Gegensatz zur BRD, in der durch finanzielle Hilfen auch im Hinblick auf den Marshall-Plan bald ein wirtschaftlicher Aufschwung möglich war, wuchs in der Bevölkerung der DDR aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Bedingungen und Lebensverhältnisse infolge des Scheiterns des Systems der Planwirtschaft Unruhe. Bis nach dem Fall der Berliner Mauer und der formellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 Deutschland wieder vereinigt war. Oder etwa doch nicht ganz?

Zunächst stellte die Vereinigung des kapitalistischen Wirtschaftssystems der BRD mit einem sozialistischen Staat und die Angleichung des Lebensstandards eine große Herausforderung dar. Einerseits ermöglichte eine finanzielle Unterstützung der neuen Bundesländer durch die ehemalige BRD mit Fonds Deutscher Einheit und dem Solidaritätszuschlag die wirtschaftliche Situation im Osten zu verbessern. Während beispielsweise 1990 das Pro-Kopf-Einkommen im Osten im Vergleich zu Westdeutschland bei rund 43 Prozent lag, erreichte 2020 die Wirtschaftskraft der neuen Bundesländer im Bundesdurchschnitt rund 81 Prozent. Zudem gleichen sich die Rente weiter an und die Differenz der Arbeitslosenquoten zwischen den beiden ehemaligen Staaten wird immer geringer. Im Gegensatz zu 2005, als die Arbeitslosenquote aller Erwerbstätigen in den alten Bundesländern bei 9,9 Prozent lag und die der ehemaligen DDR bei 18,7 Prozent, stellte man im Jahr 2020 bei 5,6 Prozent in den alten und 7,3 Prozent in den neuen Bundesländern nur noch einen geringen prozentualen Unterschied fest. Außerdem ist positiv anzumerken, dass schon 1995 im Osten etwa 90 Prozent aller Haushalte mit Telefonanschlüssen ausgestattet wurden und auch der Ausbau der Infrastruktur in allen Bereichen kontinuierlich voranschreitet.

Doch mehr als 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist noch immer ein Rückstand zu Westdeutschland zu erkennen.

Auch wenn das Nettogesamtvermögen privater Haushalte in der ehemaligen DDR seit der Wiedervereinigung insgesamt angestiegen ist, ist noch immer ein großer Abstand zu den alten Bundesländern erkennbar. Beispielsweise wiesen die privaten Haushalte der neuen Bundesländer im Jahr 2018 rund 33 Prozent an Nettogesamtvermögen auf, während das der ehemaligen BRD um die 47 Prozent betrug. Wenngleich die Arbeitslosigkeit im Osten seit 1990 gesunken ist, herrscht dort ein noch größerer massiver Fachkräftemangel als im Westen. Dies liegt nicht nur an der Abwanderung von vor allem junger ehemaliger DDR-Bürger in den Jahren nach der Wiedervereinigung, sondern auch daran, dass der Anteil an ausländischer Zuwanderung in den neuen Bundesländern beispielsweise im Jahr 2019 fast drei Mal geringer war, wie in den alten Bundesländern. Dieser erhebliche Unterschied bringt nicht nur mit sich, dass im Osten kaum ausländische Fachkräfte den Fachkräftemangel beheben können, sondern somit wird auch die Problematik des demografischen Wandels im Osten zusätzlich verstärkt.
Vor allen Dingen erlebten viele ehemaligen DDR Bürger die Jahre nach dem Mauerfall eher als eine Angleichung an den Westen als eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe.

Eine Angleichung der DDR, einem Staat mit einem anderen politischen und wirtschaftlichen System, an die damals viel weiter entwickelte BRD und ihren hohen Lebensstandard.

Eine gewisse Diskrepanz zwischen dem früher getrennten Osten und Westen ist heute noch immer sowohl spürbar als auch an statistischen Daten erkennbar. Jedoch sollte man abschließend nicht vergessen, dass praktisch über Nacht eine Mauer fiel, die zwei Staaten 28 Jahre lang voneinander trennte. Anschließend galt zwei politisch als auch wirtschaftlich unterschiedliche Gesellschaften miteinander zu „vereinen“ und diese Herausforderung wurde in den letzten Jahren eindeutig angegangen. In den letzten 32 Jahren nach Mauerfall gab es also deutliche Fortschritte, sodass wir heute einem wieder vereinten Deutschland leben – vielleicht nicht ganz, aber doch zu einem bemerkenswerten Teil.

Quellen:
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Neue-Laender/jahresbericht-zum-stand-der-deutschen-einheit-2020.pdf?__blob=publicationFile&v=14
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Neue-Laender/2021-jahresbericht-der-bundesregierung-zum-stand-der-deutschen-einheit-jbde.pdf?__blob=publicationFile&v=10
https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47436/einkommen-und-vermoegen
https://www.ddr.center/neue_bundeslaender.html
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Neue-Laender/studie-vielfalt-der-einheit.pdf?__blob=publicationFile&v=6
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/1949-1990-geteiltes-deutschland-und-wiedervereinigung-363570
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/die-wirtschaftliche-lage-der-ddr-vor-der-wende-1989-317236
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/bericht-stand-der-einheit-2021-1939552
https://www.cicero.de/innenpolitik/30-jahre-wiedervereinigung-deutsche-einheit-bilanz-ddr-brd
https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/vergleich-ost-west-rente-abwanderung-gender-paygap-lohn-betreuung-kita-100.html



Leben in einer Diktatur und Sehnsucht nach Freiheit – Flucht aus der DDR: TEIL 1

ein Interview von Juliette Domgall, Q12

Tunnel, Treppe, Sonnenlicht, Schritte, Sonne

Vor 60 Jahren, in der Nacht zum 13. August 1961, ließ die DDR die Mauer errichten, die den Weg von West nach Ost versperren sollte. Deutschland wurde in zwei Hälften geteilt. Bis zum Mauerbau 1961 flohen ca. 2,8 Millionen Menschen nach der Gründung der DDR 1949 in die BRD. Nachdem die Berliner Mauer gebaut war, war die Flucht nur noch unter großen Gefahren und hohem Risiko möglich. Tausende DDR-Bürger entschieden sich trotzdem dazu, zu fliehen. Hunderte ließen dabei ihr Leben, wurden von Grenzsoldaten erschossen oder starben beim Fluchtversuch. Der BMW-Mitarbeiter L. Bräuer, heute wohnhaft in der Nähe von Landshut, entschied sich für den Weg der waghalsigen Flucht in den Westen und galt damit als sogenannter „Grenzverletzer“. Im Folgenden werdet ihr von Herrn Bräuer alles über den Traum in den Westen zu gehen, über den Plan eines Fluchtversuchs, bis hin zum Abschied von seinen damaligen Mitmenschen erfahren. Ein Gespräch über das Leben in der DDR, Freiheitssuche und folgenreiche Lebensentscheidungen.

Herr Bräuer, wie war Ihre persönliche Situation bis zum Zeitpunkt Ihrer Flucht aus der DDR in die BRD?

Ich war damals 18 Jahre alt, war ledig, hatte also keine Freundin und war gerade dabei meine Lehre zu machen. Die politische Situation war angespannt und von der Öffnung der Grenzen war ebenfalls keine Spur. Ich hatte damals einen Onkel, der im Westen gewohnt hatte. Von ihm wurden wir einige Male besucht, wodurch ich auch immer mal wieder was von der Freiheit mitbekommen habe, die ja in der BRD ausgelebt werden konnte.

Haben Sie schon immer davon geträumt, in den Westen zu gehen?

Ja. Der Traum hat sich ca. mit 16 Jahren bei mir gefestigt. Wir hatten in der Schule politischen Unterricht, was mir persönlich nicht wirklich gefallen hat, da ich ja wie gesagt durch die Besuche von meinem Onkel die Welt noch ein bisschen anders kennenlernen durfte, als er zum Beispiel von seinen Spanienurlauben erzählte. Bei uns in der DDR war die Freiheit sehr eingeschränkt. Man hatte nur verschiedene Ostblockstaaten besuchen dürfen. Was viele nicht mehr wissen, es gab damals ja sogenannte Intershops, in denen man dann als Kind drinstand und es Westspielzeug, Haribo, Kassetten, generell einfach bestimmte Waren zu kaufen gab, die es im Osten nie oder nur ganz selten gab. Da haben sich dann schon gewisse Kinderträume entwickelt. Und wie gesagt, mit 16 Jahren, mit der politischen Situation, dann gewisse Dinge niemals sehen oder haben zu können, niemals in Spanien gewesen zu sein, das waren einfach Punkte, mit denen ich unzufrieden war. Schließlich ist dadurch dann eben der Gedanke gereift, okay, ich mache meine Lehre jetzt so gut wie möglich zu Ende und danach möchte ich die erste bestmögliche Chance nutzen und aus der DDR flüchten. Dabei habe ich aber immer für mich gesagt, ich werde mein Leben nicht direkt aufs Spiel setzen. Deutsch-Deutsche Grenze wäre für mich also nie in Frage gekommen, weil dort ja wirklich scharf geschossen wurde. Da habe ich lieber auf eine andere Möglichkeit gewartet.

Haben Sie auch Westpakete zugeschickt bekommen, die Ihre Sehnsucht in der BRD leben zu können letztendlich verstärkt haben?

Jedes Jahr zu Weihnachten haben wir von meinem Onkel aus Hamburg solch ein Paket zugesendet bekommen, in dem Sachen drin waren, die es im Osten nicht wirklich zu kaufen gab. Darunter war zum Beispiel Dosenananas oder Kaffee, der besonders gut geschmeckt und Waschpulver, was sehr gut gerochen hat. Da haben wir uns immer sehr drüber gefreut und natürlich auch wieder gemerkt, was man in der DDR nicht kaufen konnte.

Was war mit Ihrer Lehre, haben Sie diese vor der Flucht noch beenden können?

Ja, das war auch von Anfang an so geplant. Im Frühjahr 1989 fingen ja die Belagerungen der Botschaften von Tschechien und Ungarn durch DDR-Bürger an und im August dieses Jahres hatte ich dann meine Lehre beendet. Ich war dann sozusagen in meinem ersten Arbeitsmonat, hab dann 14 Tage gearbeitet und bin dann nach Ungarn in den “Urlaub” gefahren.

Wie ist es dann zu Ihrem Fluchtversuch gekommen?

Durch die Belagerung der Botschaften, ergab sich für mich die Chance, mein Leben nicht direkt riskieren zu müssen und über die ungarische Grenze flüchten zu können. In Sopron, in Ungarn, wurden im Frühjahr Hunderte über die Grenze nach Österreich rausgelassen, als diese geöffnet wurde. Das konnte ich dann glücklicherweise im Fernsehen mitverfolgen, da wir zu diesem Zeitpunkt erst ganz neu Westfernsehen bei uns in Dresden empfangen konnten. Im August wurde dann am Plattensee ein neues Lager für die Menschen, die flüchten wollten, aufgemacht und das war dann auch mein erster Zufluchtsort, den ich mir vorgenommen hatte. Dort wollte ich erstmal hin und dann weiterschauen, dass ich von da aus über die grüne Grenze komme, oder ob sich noch andere Möglichkeiten ergeben, zu flüchten, was ja schlussendlich dann auch der Fall war.

Wie war der Abschied von Ihren Mitmenschen, bevor Sie Ihren Plan in die Tat umsetzten?

Von Freunden konnte ich mich nicht offiziell verabschieden. Das war gar nicht möglich. Hätte ich meinen Fluchtgedanken geäußert, dann wäre die Stasi vor meiner Tür gestanden und hätte mich abgeholt und weggesperrt. Ich erinnere mich noch an eine Feier, wo ich mich im Prinzip innerlich von meinen Freunden verabschiedet habe. Für mich war das sozusagen die Abschiedsfeier. Was mir natürlich ebenfalls schwergefallen ist, war der Abschied von meinen Eltern oder generell von meiner Familie im Osten. Das waren auch die einzigen Menschen, die von der geplanten Flucht wussten. An dem Morgen, an dem ich später dann wegfahren wollte, hat mein Vater auch mein Motorrad noch mit mir gemeinsam gepackt, bevor ich dann aufgebrochen bin. Das war schon sehr bewegend.

Was hatten Sie schließlich bei Ihrer Flucht dabei?

Ich hatte mir, wie gerade kurz erwähnt, noch ein Motorrad gekauft, eine TZ 250. Das war damals das größte Modell, was man kaufen konnte, damit ich auch ja ordentlich nach Ungarn fahren konnte. Sogar der Motor wurde noch umgebaut und überarbeitet. Das Motorrad war mir auch sehr wichtig und hatte zudem noch zwei Seitenkoffer, in denen ich dann Kleidung drin aufbewahrte. Ich hatte sozusagen nur das Nötigste mit und schließlich noch meinen Motorradhelm.

Mit einem Motorrad, einem Motorradhelm, ein paar Kleidungsstücken, nicht mehr und nicht weniger, machte sich der damals 18 jährige L. Bräuer auf den Weg. Ist dem ehemaligen DDR- Bürger schließlich die Flucht in die Bundesrepublik gelungen? Gab es vielleicht Komplikationen oder womöglich sogar Konsequenzen aufgrund des Fluchtversuchs? Im zweiten Teil der Geschichte unseres Zeitzeugen erfahrt ihr alles über seinen Fluchtversuch, wie leicht man dabei sein Leben aufs Spiel setzte und die Zeit danach!

Antisemitismus in Deutschland – ein Phänomen der NS-Zeit?

Racism, Black Lives Matter, African-American, Equality

Antisemitismus ist mehr als Fremdenfeindlichkeit, auch mehr als ein soziales oder religiöses Vorurteil. Er ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz jüdischer Personen die Ursache aller Probleme sieht, kurz gesagt – Judenhass. Die jüdische Geschichte, so reichhaltig sie auch ist, ist von jeher von Ausgrenzung, Hass und Gewalt geprägt.

Antisemitismus ist nicht allein ein Phänomen der NS-Zeit, sondern ist bereits seit dem frühen Mittelalter in Deutschland zu finden. Als schließlich Hitler im Jahre 1933 die Macht ergreift, setzt eine Vernichtungspolitik in noch nie gesehenem Ausmaß ein, die zur Ermordung von etwa sechs Millionen Juden führt. Der Judenhass, der sich im Zeitalter des Nationalsozialismus ins Unermessliche steigert, äußert sich durch Maßnahmen wie gewaltsame Verfolgung, gesetzliche Diskriminierung, Deportation der Juden bis hin zur systematischen Judenvernichtung. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten leben circa 500.000 Juden im Deutschen Reich, was weniger als ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmacht. Auf die mühsam errungenen Rechte, die die jüdische Gemeinschaft nach und nach erlangte und den daraus resultierenden Erfolg der Juden in Wirtschaft und Kultur in diesen Zeiten, folgt Neid, welcher zu zunehmendem Antisemitismus und stark ausgebildeten Stereotypen führt. 1935 werden deutsche Juden durch eine antijüdische Gesetzgebung ihrer Grundrechte beraubt. Die ökonomische Benachteiligung wird durch Boykotte, Entlassungen, Berufsverbote und Enteignungen sichtbar und immer mehr Juden verlassen Deutschland. 1938 äußert sich der Judenhass erneut in extremeren Formen. Antisemitische Kräfte radikalisieren sich weiter und die Lage spitzt sich in der Reichspogromnacht, in der die Zerstörung jüdischer Gebäude und Verhaftungen jüdischer Bürger ihren Höhepunkt erreicht, zu. Im Zuge der Novemberpogrome werden etwa 26.000 Juden aus ganz Deutschland in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen gebracht. Die jüdische Bevölkerung wird von da an in einem nie da gewesenen Ausmaß verschleppt und diskriminiert. Die jüdische Emigration wird zur Massenflucht. Ab Oktober 1941 werden die verbliebenen 163.000 Juden systematisch aus dem Deutschen Reich deportiert und ca. zwei Millionen Juden aus Deutschland und verbündeten Staaten kommen bis Kriegsende 1945 in Vernichtungslagern ums Leben. Im sogenannten Holocaust erleiden insgesamt etwa sechs Millionen Juden den Tod. Auch Landshuter Bürger werden zu dieser Zeit Opfer des Antisemitismus. Martin Ansbacher erzählt in einem Interview von den Qualen und Erniedrigungen, die sein Vater damals im Arbeitslager Dachau erlitt: „Eines Tages brach mein Vater neben mir während des Appells zusammen, und natürlich half ich ihm auf. Sofort schreit mich ein SS-Mann an: „Wieso hilfst du diesem Juden?““ Obwohl Dachau kein Vernichtungslager gewesen ist, werden es die Wenigsten lebend oder unverletzt entlassen: „Schließlich wurden wir entlassen und konnten mit dem Zug nach Hause fahren. Am Morgen danach bekam ich Fieber und schlimme Rückenschmerzen. Der Doktor diagnostizierte eine Nierenentzündung. Tagelang, wochenlang, litt ich Höllenquallen.”

Antisemitismus – ein Phänomen, welches vor allem mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. Mittlerweile lebt in Deutschland wieder die drittgrößte jüdische Gemeinschaft Europas und dennoch ist Antisemitismus auch heute noch in Teilen der Bevölkerung verankert. 2017 in Berlin: Augenzeugen berichten von offener Holocaust-Leugnung und der Verbrennung israelischer Flaggen. Traditionelle antisemitische Vorurteile, sekundärer Antisemitismus und israelbezogener Antisemitismus sind hier nicht selten zu finden. Dies ist nur ein Beispiel von vielen: Im Mai 2021 wird in Mannheim eine Synagoge beschädigt. In Berlin, Würzburg und Solingen wird die von der Regierung gehisste Israel-Flagge gestohlen und beschädigt. In Gelsenkirchen müssen Demonstrationen gegen die Politik Israels unter palästinischer und türkischer Fahne gestoppt werden. Von Seiten der Politik heißt es „Null Toleranz“ gegenüber Judenfeindlichkeit, so Heiko Maaß. Auch Franz-Walter Steinmeier betont, dass das Grundgesetz zwar das Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit garantiere, dass die Verbrennung von Fahnen mit Davidstern und das Brüllen antisemitischer Sprüche aber nicht nur als Missbrauch der Demonstrationsfreiheit, sondern als Straftat gelte und verfolgt werden müsse. Der wieder zunehmende Antisemitismus sorgt für Angst unter den Leuten. Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach sagt: „Für unsere Mitglieder, die zu einem großen Teil aus der ehemaligen Sowjetunion kommen, ist das beängstigend und emotional schwer zu verkraften.“ Nachdem vor kurzem auch in Bonn vor einer Synagoge eine israelische Flagge brennt, äußert sich nun ebenfalls die Vorsitzende der Synagogengemeinde Bonn: „Es ist mir egal, woran die Leute glauben. Aber leider sind es immer wieder junge islamistische Männer, die uns Juden angreifen.“ Der Antisemitismus komme jedoch von allen Seiten, auch von Rechten, Linken und aus der Mitte der Gesellschaft. „Die Menschen kennen keine Juden und hassen sie trotzdem.“ Einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte nach sind 41 % der jüdischen Befragten in den letzten 12 Monaten von antisemitischen Übergriffen betroffen gewesen. Die Kriminalität von Judenhassern hat 2019 den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten erreicht. Die Polizei registriert in diesem Jahr etwa 2000 antisemitische Straftaten, die vor allem rechts-konservativen Tätern zuzuordnen sind. 2020 steigt diese Zahl auf ca. 2350 und damit erneut auf eine Höchstzahl. Auch jüdische Jugendliche haben in Schule und Freizeit unter antisemitischen Äußerungen zu leiden. „Du Jude“ als Schimpfwort gehört auf vielen Pausenhöfen zum festen Sprachgebrauch, so Iris Berben. Unter körperlichen Angriffen hat ein Schüler aus Frankfurt am Main aufgrund des öffentlichen Tragens der Kippa zu leiden. Ein anderer Schüler äußert den Wunsch „nicht auf die Welt gekommen zu sein“, den der tägliche Antisemitismus in ihm auslöst. Antisemitismus beziehungsweise Rassismus führt laut ihm dazu, „dass man sich selbst nicht mag“. Auch Julia Bernstein thematisiert die Problematik in ihrem Buch „Antisemitismus an Schulen in Deutschland“. Sie berichtet beispielsweise von Aussagen eines Lehrers, welcher wörtlich zu einem seiner Schüler sagt: „Wenn alle Juden sind wie du, dann kann ich Hitler verstehen.“ Auch innerhalb der Klassengemeinschaft sind jüdische Schüler vor antisemitischen Äußerungen nicht sicher. Die einen leugnen den Holocaust, die anderen meinen „der Mitschüler hätte mit vergast werden sollen“.

Antisemitismus ist im Laufe der Zeit zwar offensichtlich zurückgegangen und im Ausmaß der NS-Zeit nie wieder vorgekommen, dennoch ist er nicht verschwunden. Die Allgegenwärtigkeit des Judenhasses ist vielen Deutschen nicht bewusst und doch bekommen ihn viele jüdische Bürger täglich zu spüren. Das Bild völliger Gleichberechtigung und das Ablegen von Vorurteilen Juden gegenüber ist eine utopische Illusion. Antisemitismus ist kein Phänomen aus der Vergangenheit, das getrost vergessen werden kann. Er ist immer noch gegenwärtig und wird auch von Seiten der deutschen Politik weiterhin bekämpft.

Quellen: https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/hey-ich-bin-jude-104.html https://www.annefrank.org/de/anne-frank/vertiefung/was-ist-der-holocaust/ https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/gerettete-geschichten/177625/vertreibung-und-vernichtung-der-juden-aus-dem-deutschen-reich https://gymnasium.seligenthal.de/827/articles/1037 https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/juedischesleben/ https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Antisemitismus_bis_1945 https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37966/aktuelle-phaenomene-stroemungen-debatten https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/polizei-antisemitismus-synagogen-101.html https://www.tagesschau.de/inland/antisemitismus-nahost-konflikt-101.html https://www.tagesspiegel.de/politik/rekordzahl-antisemitischer-kriminalitaet-in-deutschland-straftaten-von-judenhassern-auf-hoechstem-stand-seit-2001/25863836.html https://mediendienst-integration.de/desintegration/antisemitismus.html https://www.lpb-bw.de/reichspogromnacht#c13981 https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37945/was-heisst-antisemitismus https://gymnasium.seligenthal.de/827/articles/1037 Ehm, Matthias: Abitur Skript Geschichte Gymnasium Bayern. Stark Verlag GmbH, 2020

Essay über Hans Calmeyer – Gerechter oder Nationalsozialist?

Anmerkung der Redaktion: Dieses Essay wurde vom Autor im Rahmen des Eleanor J. Marks-Wettbewerbs verfasst, im Buch Children’s voices veröffentlicht und prämiert [mit Genehmigung des Autors für die Schülerzeitung adaptiert und leicht verändert]

Wer Hans Calmeyer 1944 in den Haag auf der Straße gesehen hätte, dem wäre lediglich ein stattlicher Mann in den besten Jahren aufgefallen oder bestenfalls der Rassereferent aus der deutschen Besatzungsverwaltung, der dafür sorgte, dass auch ja kein Jude im deutschen Reich überlebte. Aber niemand bis auf eine handvoll Eingeweihte hätte geahnt, dass dieser Mann jeden Tag aufs neue Menschenleben rettete und dafür das Seinige wagte, denn das kam erst Jahre später auf und ist bis heute noch nicht wirklich an die Öffentlichkeit gedrungen.

Dabei ist Calmeyer vermutlich die Person, die in den Zeiten des Terrors des Nationalsozialismus viele Menschen vor dem Tod bewahrt hat. So oft Calmeyer auch als „stiller Held“ bezeichnet wird, so oft wird er auch als Zahnrad im nationalsozialistischen Getriebe, dessen Aufgabe darin bestand Juden zu vernichten, kritisiert. Und obwohl mittlerweile immer mehr Augenzeugen, besonders Juden, die den 2. Weltkrieg überlebt haben, aufgekommen sind, welche bestätigen, dass Calmeyer unter vollem Einsatz seines Lebens ihre Abstammung vertuscht und sie so gerettet habe, ist er immer noch eine der umstrittensten Figuren der NS–Zeit. Dagegen spricht allerdings, dass seine Aktenführung häufig von der SS kontrolliert wurde, wobei nur Dank seiner gewissenhaften Arbeit keine Beweise auf die mögliche Verschonung eines „jüdischen Untermenschen“ entdeckt wurden. Bewiesen ist auch, dass man unter den Juden auch vom „calmeyern“ im positiven Sinne sprach. Bekannte Calmeyers sagten, dass es ihn auch nach dem Krieg noch zermürbt habe, dass er nicht noch mehr Leben gerettet habe. Doch wer war eigentlich Hans Calmeyer?

Hans Georg Calmeyer wurde 1903 als Sohn des Richters Rudolf Calmeyer in Osnabrück geboren. 1910 zog die Familie Calmeyer nach Gnesen, einer deutschen Stadt in der Nähe der polnischen Grenze. Ab 1918 erlebte er den deutsch–polnischen Grenzkampf im 1. Weltkrieg, in dem 1819 auch seine beiden Brüder Rudel und Fred umkamen. Es heißt, dies habe sein Leben und Wirken von da an stark beinflusst. Im Jahre 1930 schloss Calmeyer sein Studium mit überdurchschnittlich guten Noten ab und begann 1931 seine Karriere als Anwalt, wobei er 1932 wieder nach Osnabrück zog. Auch privat lief es für Calmeyer ziemlich gut, denn nachdem er sich 1930 mit Ruth vermählt hatte, erblickte kurz darauf sein Sohn Peter das Licht der Welt. Doch bereits 1933 wurde es kritisch. Da Calmeyer, der sich auf Strafverteidigung spezialisiert hatte, häufiger Kommunisten vertrat, geriet er in das Visier der Gestapo. Ihm wurde unterstellt linksradikal zu sein. Zudem hieß es, dass er die KPD, die Kommunistische Partei Deutschlands, unterstüzt und dass er zudem Kontakte bei der Roten Hilfe Deutschlands gehabt hätte, wobei er sich zudem noch geweigert haben soll eine jüdische Kanzleiassistentin auszustellen. Daraufhin wurde Calmeyer die Anwaltslizenz entzogen, da ein ehemaliger Mandant von ihm gegen ihn aussagte. Auch dies könnte Calmeyer in seinem Kampf gegen den nationalsozialistischen Rassismus und die Intoleranz gegenüber anderer „Ideologien“ als die der NSDAP bestärkt haben. Es zeigt auch, dass damals Kommunisten und anderen Minderheiten kaum eine Chance gelassen wurde, sich in irgendeiner Weise gegen den Nationalsozialismus zu wehren.

Mit Geschick erlangte Calmeyer nach einer weiteren Prüfung 1934 seine Lizenz wieder. Bemerkenswert ist hierbei, dass Calmeyer zwar diversen nationalsozialistischen Vereinen angehörte, jedoch nie Mitglied der NSDAP war. Wenn man dies in Betracht zieht, ist es unglaublich verwunderlich, dass Calmeyer seine Erlaubnis überhaupt wiedererhalten hat. Allerdings wurde Calmeyer danach noch bis ungefähr 1936 von der Gestapo genau beobachtet, sodass er sich keine „Schnitzer“ mehr leisten konnte. Diese Zeit muss für ihn besonders schrecklich gewesen sein, da er die Ambition hatte, gegen die „Rassentrennung“ im deutschen Reich vorzugehen, es aber nicht konnte und gezwungen war, nichts zu tun. Weder er noch die Gestapo konnte ahnen, dass er später noch wesentlich mehr Menschen das Leben retten sollte, denn sonst hätte Calmeyer nicht mehr lange zu leben gehabt. Doch seine Stunde war noch nicht gekommen.

Calmeyer machte sich 1940 in die Niederlande auf, allerdings nur in der Luftnachrichtenkompanie, einer Organisation, die für das Abhören und Senden von Botschaften verantwortlich war. Allerdings ist dieser Feldzug heute ein großer Kritikpunkt, da viele Gegner Calmeyers der Meinung sind, dass dieser tatsächlich nur die nationalsozialistische Marionette war, die er offiziell zu sein schien. Im Gegensatz dazu sollte man ihm allerdings anrechnen, dass er nicht als Soldat kam, sondern „nur“ als Mitglied einer Art Nachrichtendienstes. Trotzdem war er dadurch natürlich indirekt an dem grausamen Niedermetzeln beteiligt, aber vielleicht erschien ihm das als Möglichkeit, das Unvermeidliche für sich möglichst human zu gestalten, sodass wenigstens er selbst niemanden ermorden musste. Doch 1941 wurde Calmeyer dann an das Reichskommissariat der Niederlande bestellt, wo er von nun an als Rassereferent arbeiten sollte. Er sollte in Zweifelsfällen beurteilen, ob jemand jüdischer Angehörigkeit sei. Calmeyers Aufgabe bestand also darin zwischen Leben und Tod, KZ und Freiheit, Deportation oder einem freien Leben zu entscheiden.

Ein besonderer Druck war zudem noch dadurch gegeben, dass der Leiter dieses Reichskommissariats niemand geringerer war als Arthur Seyß–Inquart, nämlich der Mann, der später als einer von vier Angeklagten im Nürnberger Prozess von dem internationalen Millitärgerichtshof in drei Anklagepunkten für schuldig befunden wurde und daraufhin den Tod durch den Strick erhielt, da dieser Mann abertausende Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Und eben diesem Mann, dem Gnade ein Fremdwort war, war Calmeyers Vorgesetzter. Zuletzt kam hierzu noch der Umstand, dass nach der Eroberung der Niederlande eine Zählung aller Juden durchgeführt werden sollte, das heißt, dass jeder der ein Jude hätten sein können, einen Zettel auszufüllen hatte, auf dem seine jüdischen bzw. arische Abstammung dargelegt wurde. Das hieß, wer als Jude identifiziert wurde, wurde sofort nach Auschwitz oder in ein anderes KZ abtransportiert, was dem sicheren Tod gleichkam.

Calmeyer setzte sich für eine bessere Behandlung der niederländischen Bürger ein. Nun kann man vielleicht ansatzweise nachvollziehen, unter welchem Druck Calmeyer stand, ja vielleicht ein bißchen verstehen, wie schwierig die Lage dieses Mannes war. Er selbst sagte später darüber: „Es ist, wie wenn ich 50000 Kranke hätte, aber nur 50 Ampullen, um sie zu heilen. Es ist wahrscheinlich unmöglich, sich in Calmeyer hineinzuversetzen, wo es doch so leicht gewesen wäre, einfach im Sinne des „kranken“, „asozialen“, antisemitischen Rechts zu entscheiden. Doch trotzdem beschloss dieser Mann als Art stiller Held im stillen Kampf gegen den Nationalsozialismus, so viele Juden wie möglich vor dem sicheren Tod zu bewahren. Wann und wie genau Calmeyer beschloss, sich gegen den Terror der Nazis zu wenden, wird wahrscheinlich immer im Dunkeln bleiben und zudem hat Calmeyer sich vermutlich schon früh seine Meinung über die überzeugten Nazis und den Antisemitismus gebildet. Diese These ließe sich dadurch stärken, dass er schon früher Kommunisten verteidigte, weswegen auch seine Anwaltslizenz konfisziert worden war. Vielleicht auch erst danach, da ihn die Erkenntnis über das Gleichschaltungssystem der Nazis überkam. Doch egal, ob durch eine frühe Erkenntnis oder eine spontane Handlung: was zählt, sind die Taten:

Immer, wenn er ein Verfahren auf dem Tisch hatte, ob Jude oder nicht Jude, begann seine Rettungsmaschine zu rattern. Im ersten Schritt prüfte er, ob der Bescheid glaubwürdig genug war. Im Folgenden suchte er glaubwürdige „Zeugen“, die „Verwandte“ der „Zweifelsfälle“ wurden. Häufig hieß es dann, es hätte einen arischen Seitensprung gegeben, wodurch sich diese Juden dann in der arischen Gesellschaft etablieren konnten. Fast immer organisierte sich Calmeyer auch Pfarrer oder Standesbeamte, die zur Rettung dieser Menschen einen wesentlichen Teil beitrugen. Auch diese Aufgabe erforderte enormes Fingerspitzengefühl, wobei eine sorgfältige und exakte Auswahl der Vertrauten erforderlich war, denn sollte auch nur entdeckt werden, dass Calmeyer selbst nur einen Juden absichtlich vor der Vefolgung und Tötung bewahrt hätte, hätte das seinen sicheren Tod bedeutet, da er damit ggf. aus Sicht der Nazis auf „gleiche Stufe“, als Verräter und Untermensch gestellt worden wäre.

Doch Calmeyer wusste, wem er vertrauen konnte – und er wählte seine Vertrauenspartner genau aus. Tatsächlich war es auch nur ein offenes Geheimnis, dass Calmeyer versuchte, so viele Juden wie möglich zu retten. Durch sein unglaubliches Geschick schaffte er es, die „Arier“ auch als „echte Arier aussehen“ zu lassen, zumal er durch ein exzellentes Jura-Studium alle Rechtskniffe des nationalsozialistischen Rechtssinnes kannte und es durch seine gewissenhafte Führung der Akten und die sicheren und vertrauenswürdigen Zeugen schaffte, all seine Taten im „legalen“ Bereich zu halten. Und allein deswegen konnte er, dessen Leben von dem Moment an, an dem er sich entschloss andere Leben zu retten, am seidenen Faden hing, sich in den nazibeherrschten Niederlanden einen „Stand“ sichern.

Auch wenn er von einfachen Polizisten des Regimes hinter seinem Rücken verspottet wurde und von den höheren Funktionären kleinlich aufs Genaueste überprüft wurde und diesen „Obernazis“ verhasst war, perlte alle Kritik und jegliche Gefahr scheinbar von ihm ab. Später sagte er, dass er ein Rettungsfloß habe bauen wollen. Zweifelsohne hatte Calmeyer gute, judenfreundliche Absichten, da in seiner Behörde die Zahl der als rechtmäßig arisch befundenen Zweifelsfälle um ein Vielfaches höher war als in den anderen, wobei allein durch diese Auffälligkeit die Gefahr der Entdeckung einer Manipulation der „Judengesetzgebung“ und einer daraufhin folgenden Hinrichtung wesentlich höher war.

Calmeyer war sich als umsichtiger, intelligenter und welterfahrener Mann, wie er von Zeitzeugen beschrieben wurden, des Risikos sehr wohl bewusst, sodass ihm keine Naivität nachgesagt werden kann. Viele Leute unserer Zeit stellen sich die als „Gerechte“ geehrten immer als Helden vor, die unglaublich gefährliche Situationen durchlaufen und mit Geretteten vor den SS–Kräften fliehen. Dieses Klischee ist in Calmeyers Fall und auch sonst wohl eher nicht treffend. Denn als die Nazis an der Macht waren, gab es viele sogenannte „Schreibtischtäter“, also Menschen die nur durch Erlässe und Regelungen viele Menschenleben vernichteten. Allein in der Abteilung, die in Zweifelfällen entschied, gab es 150.000 Anträge, von denen ein sehr großer Teil für „nicht-arisch“ befunden wurde. Die Ausnahme: Hans Calmeyer und seine Behörde.

Sie war die Anlaufstelle für alle, die noch einen Hoffnungsschimmer in sich hatten. Der Schreibtischretter. Der Grund: seine Abteilung befand zwei Drittel der gestellten Anträge für rechtmäßig. Das besondere bei Calmeyer war, dass er, da Dänemark eine Besatzungszone war, andere Kriterien miteinfließen lassen konnte als im Deutschen Reich, wo diese verboten waren. Calmeyer erlaubte es sich allein schon, generelle Beweismittel in das Verfahren zu nehmen, die bestätigten, dass man Arier sei, wobei auch sehr hieb- und stichfeste Argumente für zulässig erklärt wurden. Calmeyer hatte in seiner gesamten Karriere als Rassereferent ungefähr 6000 Fälle auf dem Tisch. Bestätigt ist, dass er mindestens 3000 davon als rechtmäßig abstempelte, allerdings wird eher zu über 4000 tendiert. Oft wird auch hierbei die Zahl 17000 genannt, allerdings ist dies irreführend, da Calmeyer insgesamt nur 6000 Fälle bearbeitete. Diese „Menge“ setzt sich nämlich aus den Personen, die er tatsächlich gerettet hat, und denen, die er als Verwandte etc. „erfand“, zusammen. Es verdeutlicht allerdings nur wieder, wie viel Aufwand sich Calmeyer machte, um Menschen das Leben zu retten.

Doch auch Calmeyer wurde alleine durch die hohe Zahl an „Ariern“ in seiner Behörde unter strenge Beobachtung gestellt. Als es dann gegen Kriegsende ging, wäre er verhaftet und hingerichtet worden. Doch so weit kam es nicht mehr. Die Niederlande wurden von der deutschen Besatzung befreit, bevor Calmeyer abgeführt werden konnte. Unter den vielen Menschen, welche dank ihm überlebten, befinden sich auch heute noch bekannte Personen wie die Schauspielerin Camilla Spira, Jacqueline van Maarsen, die selbst keine Berühmtheit ist, allerdings die beste Freundin von Anne Frank war, außerdem noch einige andere Personen aus dem Bekanntenkreis von Anne Frank, die allerdings nie „als Akte“ auf Calmeyers Tisch lagen. Am Ende schaffte es Calmeyer sogar, den Krieg zu überleben. Allerdings konnte er nie über seine Depressionen hinwegkommen, von denen er seit Kriegsende geplagt wurde. Immer wieder sagte er sich nach eigener Aussage, dass er nicht genug Menschen gerettet hätte. Im Jahre 1972 starb Hans Georg Calmeyer an einem Herzinfarkt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Hans Calmeyer in gewisser Hinsicht wohl einer der größten Helden im Kampf gegen den Nationalsozialismus ist. Absolut unverständlich sind die Stimmen der Kritiker, die kritisieren, Calmeyer hätte die Juden nur aus einer Launenhaftigkeit gerettet. Dies ist meiner Meinung nach vollkommen falsch, da Calmeyer immer als intelligenter, umsichtiger Mann geschildert wurde, was sogar von Nazis während der Kriegszeit bestätigt wurde. Somit wäre es vollkommen unrichtig zu sagen, Calmeyer wäre nur seiner Laune gefolgt, weil klar erwiesen ist, dass er den Wert des Lebens kannte und nicht aus einer Anwandlung heraus jemanden rettete oder tötete. Außerdem beweisen auch die eindeutig erwiesenen Depressionen nach dem Krieg, dass er gute Absichten hatte, weil er sonst keine psychischen Probleme bekommen hätte. Klar ist, dass Hans Georg Calmeyer auf jeden Fall ein strategisch denkender, schlauer Gerechter war und immer in Ehren gehalten werden sollte, da er bereit war sein Leben zu opfern, um andere zu retten.

Lexikonartikel: NSDAP

NSDAP steht für Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei. Sie wurde in der Weimarer Republik gegründet, das war kurz nach dem Ersten Weltkrieg, und ihre Grundgedanken war antisemitisch und gegen die Demokratie in Deutschland.

Die Partei war so ausgelegt, dass ein Person in der Partei eigentlich die ganze Macht hatte. Der Vorsitzende dieser Partei war ab 1921 der spätere Reichskanzler Adolf Hitler, unter dem sie Deutschland als nationalsozialistische Dikatur beherrschte. Als der Zweite Weltkrieg 1945 endete, wurde ihr gesamtes Kapital entzogen und die Partei wurde verboten.

Die Partei wurde 1929 im Münchner Hofbräuhaus begründet, indem man die Deutsche Arbeiter Partei (DAP) in NSDAP umwandelte, wobei das „NS“ im Namen die Besonderheit dieser Partei hervorheben sollte. Zudem veröffentlichte die Partei ihr sogenanntes 25-Punkte-Programm, dessen Hauptpunkte u.a. die Aufhebung des Versailler Friedensvertrags, der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft für Juden und die „Stärkung der Volksgemeinschaft“ waren. Schon kurz der Gründung begann die Partei Gründungsausweise auszugeben, und weil sie nicht als unbedeutende Kleinpartei abgetan werden wollten, begann ihr Parteiregister bei der Zahl 501. Adolf Hitler hatte die Nummer 555 inne.

Schon von 1920 an kooperierte die Partie mit der österreichischen DNSAP und der Tschechoslowakei. 1922 wurde die Partei in vielen Teilen Deutschlands verboten. Erst in Baden, dann Thüringen, Braunschweig, Hamburg, Preußen und Mecklenburg und Schwerin. Die Verbote waren von unterschiedlicher Stärke, sodass in manchen Teilen Deutschlands auch NSDAP-Partnergruppen verboten wurden. In anderen Teilen des deutschen Reichs, in denen sie noch nicht verboten war, fand sie großen Anklang, vor allem in Bayern, wo auch ihr Haupsitz lag. Doch das änderte sich entscheidend, als der sogenannte Hitlerputsch sein Ziel verfehlte. Der Hitlerputsch war der Versuch der NSDAP München zu erobern, wobei eine menge Leute durch die Straße maschierten – auf dem Weg zum königlich-bayrischen Kriegsministerium, welches die Menge unter Führung Hitlers mit Waffengewalt einnehmen wollte, nachdem Hitlers Versuche, durch Worte die Menschen auf die Seite der NSDAP zu ziehen, gescheitert waren. Aber der Putschversuch wurde von der Polizei unterbunden. Danach wurde die NSDAP bis Februar 1925 in ganz Deutschland verboten. Hitler floh, wurde aber gefasst und zu fünf Jahren Haft verurteilt, wovon er allerdings nur wenige Monate verbüßen musste. In den daraufolgenden Wahlen erreichte die NSDAP nur 6,6% der Stimmen. In der nächsten nur noch 3%. Kurz nach Hitlers Entlassung 1924 erschien 1925 der erste Band seines Buches „Mein Kampf“, der nächste Band erschien 1926.

Die NSDAP, welche scheinbar erst eine ganz „gewöhnliche“, kleine, aber bereits deutlich antisemitische Partei war, entwickelte sich bald zu einer Partei mit großem politischen Spektrum, auch weil eine damals sehr bekannte Zeitschrift von Alfred Hugenberg die NSDAP, insbesondere Adolf Hitler, sehr bekannt machte.  Zwischen 1925 und 1930 wuchs die Anzahl der Parteimitglieder von 27.000 auf 130.000 Menschen an und bereits 1926 wurde der Hitlergruß als parteiinterne Grußformel eingeführt und Hitler als Führer tituliert. Mit Gründung der Hitlerjugend und dem Straßenterror der SA, einer Ordnugstruppe der NSDAP, wurden vermehrt Jugendliche und junge Männer für die Partei gewonnen. Die NSDAP erhielt nun auch verstärkt Zustimmung von Bauern, Handwerkern und Studenten.

Nachdem Paul von Hindenburg 1930 den Reichstag aufgelöst hatte, wird die NSDAP bei den Neuwahlen mit 18,3% der abgegebenen Stimmen nach der SPD zur zweitstärksten Partei gewählt. So kam es, dass sich die NSDAP nun mit anderen rechtsextremen Parteien zusammenschloß, um die Weimarer Republik zu bekämpfen und die Demokratie zu Fall zu bringen. Ein Jahr später, 1932, bekämpften sie einander im Wahlkampf.

Allerding gelang es Hindenburg erneut, Reichspräsident zu werden. Adolf Hitler wurde „lediglich“ Zweiter. Bei den Landtagswahlen in vielen Ländern wurde die NSDAP  am häufigsten gewählt. Trotzdem durchlief die Partei danach eine Krise, deren Höhepunkt sehr schlechte Wahlergebnisse bei der nächsten Wahl waren. Dies war jedoch nur von kurzer Dauer und ihre Mitgliederstärke erhöhte sich auf ca. 850000 Menschen, wobei davon viele Nichtwähler waren, welche gezielt von der NSDAP angeworben wurden.

1933 wurde Hitler Reichspräsident. Bei den darauffolgenden Wahlen bekam die NSDAP allerdings immer noch nicht die absolute Mehrheit, weshalb sie ein Bündnis mit allen Parteien außer SPD und KPD einging. Damit konnten sie das Ermächtigungsgesetz in Kraft setzen und so bekam Hitler fast uneingeschränkte Macht. Daraufhin verbot dieser alle Parteien außer die NSDAP.

Am 1.Dezember 1933 erließ die NSDAP das „Gesetz zur Sicherung der Einheit zwischen Partei und Staat“. Mithilfe dieses Gesetzes besetzte die NSDAP alle wichtigen Stellen in Wirtschaft und Regierung.

Mit der Zeit wurde der Einflussbereich der NSDAP wegen parteiinterner Querelen und Hitlers Machtvakuum stark geschmälert. Als Hitler nach dem Röhmputsch keine Feinde innerhalb der Partei mehr hatte, wurde die NSDAP während des Zweiten Weltkrieg auch nur noch mit der Besetzung wichtiger Führungspositionen betraut. Nach dem Krieg wurde 1945 die NSDAP verboten und erst ein Jahr später 1946 in Nürnberg zu einer verbrecherischen Organisation erklärt.

Kommentar: Die Welt im Rechtsruck

SoR-SmC Exklusiv

Seit dem 20. Januar 2017 ist Donald Trump der Repräsentant eines der einflussreichsten Länder der Welt. Die AfD hat reelle Chancen auf den Einzug in den Bundestag. Marine Le Pen tritt für den Front National bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich an. So mancher Kritiker würde sagen, Rechtspopulismus ist aktueller denn je und an dieser Stelle stellt sich mir eine Frage: ist der Hang zum rechten Rand des Politikspektrums nie verschwunden oder nur schon wieder zurück?

Furcht vor dem Ungeheuer des Nationalismus

Am 20. Januar 2017 jährte sich zum 75. Mal die Wannseekonferenz, in der der Genozid an den Juden organisiert und koordiniert wurde. In der selbigen Woche wurde in Karlsruhe das Urteil des Bundesverfassungsgerichts veröffentlicht, dass Frank Franzs Partei, die NPD, zwar verfassungsfeindliche Ziele verfolge, jedoch, wie auch das Verbotsverfahren aus dem Jahr 2001, abgelehnt wurde. Doch nicht nur rechtsextreme Parteien, auch Aussagen wie „Der Holocaust ist die größte und nachhaltigste Lüge der Geschichte“ von Ursula Haverbeck finden in der Bevölkerung Anklang.

Frank-Walter Steinmeier hat nicht zuletzt im Zusammenhang mit Donald Trump schon während dessen Wahlkampfes  von der Angst vor dem (weltweiten) „Ungeheuer des Nationalismus“ gesprochen und titulierte Trump selbst als „Hassprediger“.

Auch Joschka Fischer, ein ehemaliger Außenminister Deutschlands, ist besorgt. Der frühere Grünen-Politiker wäre mit seinen Ratschlägen am Ende, würde Marine Le Pen am 7. Mai die Präsidentschaftswahl in Frankreich für sich entscheiden. Das Wahljahr 2017 entscheidet auch in den Niederlanden über eine neue politische Richtung: am 15.März wählen die Niederländer ihr neues Parlament. Ersten Umfragen zufolge könnten die Rechtspopulisten um Geert Wilders mehr als 30 der 150 Sitze im Parlament bald ihr Eigen nennen und somit die stärkste Fraktion bilden.

Was also lässt einen Demokratie befürwortenden Bürger noch hoffen?

In seiner ersten Rede als designierter Bundespräsident hat Frank-Walter Steinmeier seine Antrittsrede mit den Worten „Ihr macht mir Mut“ begonnen. Dieser Ausruf einer jungen Frau in Tunesien ist nicht etwa eine Liebeserklärung an unseren ehemaligen Außenminister, sondern eine an Deutschland. „Wir Deutschen machen ihr Mut“, Länder mit einer starken und standhaften Demokratie, Länder, die auf rechtsradikale Parolen mit noch stärkerem Zusammenhalt und politischer Beteiligung antworten, diese Länder machen ihr Mut, diese Länder machen mir Mut!

Politik leicht verständlich: Grundwissen Verfassung

Unsere Verfassung, auch Grundgesetz (GG) genannt, ist weitaus mehr als nur eine Anhäufung von Regelungen für ein friedliches Zusammenleben. Es ist eine durchdachte und seit Jahrzehnten funktionierende Schrift, die in vielen Bereichen nicht verändert werden darf, wodurch alle in Deutschland lebende Menschen nachhaltig Schutz, Freiheit und Frieden genießen dürfen.

Am 8. Mai 1949, also gut vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und den Schrecken der NS-Herrschaft, wurde das GG vom Parlamentarischen Rat beschlossen und von den Alliierten genehmigt. Es setzt sich (bis heute) aus einer Präambel, den Grundrechten und einem organisatorischen Teil zusammen. Im Grundgesetz sind die wesentlichen staatlichen System- und Werteentscheidungen festgelegt. Es steht im Rang über allen anderen deutschen Rechtsnormen.

Das Grundgesetz kennt übrigens keine Paragraphen, sondern „nur“ Artikel. Damit hebt es sich von anderen Gesetzesschriften (wie z. B. dem BGB – Bürgerliches Gesetzbuch) ab und betont die entscheidende Bedeutung unserer Verfassung als Gradmesser und Orientierung für jedwede Form des Rechts. Man unterscheidet das Recht in einfaches Recht (Gesetze) und Verfassungsrecht (Grundgesetz). Wie wir an dieser Stelle also schon sehen, bezieht sich das Grundgesetz auf sich selbst. Das klingt zunächst unlogisch, ist es aber nicht, wie wir weiter unter noch sehen werden. Soviel sei an dieser Stelle schon verraten: gewisse Artikel des Grundgesetzes beziehen sich auf andere darin in ganz verbindlicher Weise. Dadurch lässt sich auch der scheinbare Widerspruch von oben erklären.

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Folgende Artikel aus dem Grundgesetz sollte jeder kennen, denn sie bilden zusammen die viel und gerne zitierte Leitkultur unserer Demokratie und unseres Zusammenlebens und werden häufig auch gemeinhin als die „deutsche Leitkultur“ umschrieben, zu der sich jeder in unserem Land Lebende bekennen sollte:

  • Art. 1: Unantastbarkeit der Menschenwürde als wichtigstes Menschen- bzw. Grundrecht
  • Art. 2 – 19: weitere Menschen- / Grundrechte sowie Bürgerrechte
  • Art. 20: Verfassungsprinzipien
  • Art. 79 (3): Ewigkeitsklausel – sie schützt die Art. 1 und 20 vor Veränderung oder Abschaffung

Art. 1 besagt, dass jeder Mensch eine Würde hat. „Würde“ ist kein abstrakter Begriff, wie viele glauben. Am leichtesten verständlich wird sie, wenn man sich überlegt, wie es einem selbst im Leben ergehen sollte. Niemand möchte seelisch oder körperlich leiden. Die Würde hat damit zwei Dimensionen, eine physische (körperliche) und eine psychische (seelische). Unser Staat sorgt dafür, dass diese Würde geschützt wird!

Art. 2 – 19 beinhaltet weitere Grundrechte sowie Bürgerrechte. Die Meinungsfreiheit in Art. 5 beispielsweise besitzt jeder Mensch in Deutschland. Auch die in Art. 4 verankerte Glaubens- und Religionsfreiheit genießen alle Menschen, ebenso wie die Gleichheit aller vor dem Gesetz in Art. 3. Ob reicher Promi oder Normalverdiener – keiner darf bevorzugt werden! Bürgerrechte hingegen besitzen nur Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit, also mit deutschem Pass. Einer dieser Artikel ist Art. 8, nämlich die Versammlungsfreiheit, nach der sich alle Deutschen ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen versammeln dürfen. In Art. 12, einem weiteren Bürgerrecht, steht geschrieben, dass alle Deutschen das Recht hätten, Beruf und Arbeitsplatz frei zu wählen. Es ist logisch, dass nicht jeder Mensch, der sich in Deutschland aufhält, dieses Recht haben kann, und somit auch keine Diskriminierung – schließlich ist es entscheidend, sich zunächst mit der Sprache, den Strukturen und der Kultur vertraut zu machen, um dann partizipieren, also teilhaben zu können. In der Praxis kann es aber durchaus vorkommen, dass Menschen in Deutschland von Bürgerrechten Gebrauch machen, die ihnen de jure, also dem „Gesetz“ nach, eigentlich nicht zustünden. Als Beispiel seien Menschen genannt, die zur Flucht gezwungen wurden und nun, in Deutschland lebend, öffentlich gegen die Misstände in ihren Herkunftsländern protestieren und damit das Versammlungsrecht in Anspruch nehmen. Dass dies seitens des Staates nicht nur toleriert, sondern durch viele Kampagnen (auch ziviler Einrichtungen) unterstützt wird, zeigt die Offenheit und den Freiheitsgedanken unseres politischen Systems in besonderer Weise auf.

Art. 20 ist ein weiterer entscheidender Artikel in unserer Verfassung. In Art. 20 (1) stehen sämtliche Verfassungsprinzipien. Jeder Mensch hat seine eigenen Prinzipien, z. B. „Familie geht vor“, „Ehrlichkeit siegt“ oder „Freunde fürs Leben“. Solche Prinzipien gibt es auch in unserem Grundgesetz. Sie besagen, dass an ihnen nicht zu rütteln ist – sie damit fest verankert und dauerhaft gültig bleiben. Diese Verfassungsprinzipien lauten

  • Demokratie (Volksherrschaft durch Wahl von Vertretern des Volkes: Wahl von Repräsentanten = Volksvertretern -> repräsentative Demokratie)

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  • Sozialstaat (jedem wird geholfen, unabhängig, ob die Situation durch einen selbst verschuldet ist oder nicht -> Gewährung von Sach- oder Dienstleistungen, z. B. in Form von Arbeistlosengeld oder psychologischer Betreuung -> hier: großes Engagement und Unterstützung des Staates durch kirchliche Einrichtungen wie Caritas oder Diakonie!)

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  • Bundesstaat (auch Föderalismus genannt, aus dem Lat. für „Bund“ oder „Bündnis“ -> Macht ist nicht zentralisiert auf eine Stadt oder ein Organ, sondern es gibt viele Zentren -> dadurch existieren auch Bundesländer mit eigenen Befugnissen, z. B. im Bildungswesen)

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  • Rechtsstaat (Rückbindung geltenden Rechts an eine menschenwürdige Verfassung -> materieller Rechtsstaat vs. formeller Rechtsstaat; letzterer kann ebenso eine Verfassung haben, allerdings sind weder Menschen- noch Grundrechte garantiert -> vgl. Nazi-Herrschaft; übrigens: die Gewaltenteilung ist im Prinzip der Rechtsstaatlichkeit enthalten)

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Jetzt wird sich womöglich jemand fragen, was passiert, wenn man all diese Artikel abschaffen würde. Der „Knüller“ an unserer Verfassung ist hierbei, dass das gar nicht möglich ist. Dafür sorgt Art. 79 (3), die sog. Ewigkeitsklausel:

 

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Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.

Das bedeutet also: Menschenwürde und Verfassungsprinzipien sind „auf ewig“ geschützt. Wir sind demnach z. B. nicht nur eine Demokratie, sondern werden es auch immer bleiben; auch an der Menschenwürde ist nicht zu rütteln! Aber warum sind die Art. 2 bis 19 nicht von der Ewigkeitsklausel geschützt?

Wenn wir das Bürgerrecht der Versammlungsfreiheit betrachten, so haben wir vielleicht nicht nur Bilder von friedlichen Demonstranten vor Augen, sondern auch solche, in denen Vermummte Flaschen auf Polizisten werfen und Autos anzünden. In diesem Fall kann die Exekutive, in diesem Fall die Polizei, die Versammlung auflösen und somit das Grundrecht einschränken oder es gewissen Gruppen von Menschen für den Moment ganz entziehen. Schließlich ist (gerade auch laut Grundgesetz) die Pflicht des Staates, seine Bürger vor den wenigen Menschen, die unsere „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ (vgl. Leitkultur) schaden oder sie ganz abschaffen wollen, zu schützen – und das kann er nur, wenn er diese Schutzfunktion auch wahrnimmt, in Einzelfällen auch durch entsprechende Maßnahmen, die uns auf den ersten, womöglich noch etwas ungeübten Blick, nicht ganz einleuchten.

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Wenn sich jetzt jemand fragt, durch welchen Artikel eigentlich Art. 79 (3), die Ewigkeitsklausel geschützt wird, so ist die Antwort so eindeutig wie vorerst nüchtern: keiner! Damit scheint Art. 79 (3) doch im Grunde genommen obsolet, also entbehrlich / hinfällig zu sein. Dem ist nicht so. Vielmehr betont Art. 79 (3) symbolisch das nachhaltige Versprechen der Politik und ihrer Vertreter, alles dafür zu geben, dass die o.g. Grundsätze unseres Zusammenlebens für immer zu bewahren sind. Eine Demokratie braucht somit Demokraten, die demokratisch wählen und für die eingangs genannte Leitkultur einstehen – und das können sie nur, wenn sie sie auch kennen und nicht nur ihre eigenen Rechte, sondern vielmehr auch ihre Pflichten kennen! Ohne Demokraten helfen auch noch so gut geschützte Artikel und demokratische Gesetze nichts, wenn keiner mehr an sie glaubt!

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