Archiv der Kategorie: Ausgrenzung, Vorurteile, Rassismus

Sexismus im Sport – Der Kampf um Anerkennung

150€ pro Spielerin – das ist der Betrag, den das norwegische Beachhandball-Team der Frauen bezahlen soll. Der Grund? Verstoß gegen eine der Regeln: „Spielerinnen müssen Bikini-Hosen tragen, die der angehängten Abbildung entsprechen. Sie müssen körperbetont geschnitten sein, mit einem hohen Beinausschnitt. Die Seitenbreite darf höchstens 10 cm betragen.“

Die norwegischen Sportlerinnen verstießen beim Spiel um Platz drei in der EM gegen Spanien im Juli 2021 bewusst gegen diese Kleiderordnung, indem sie Shorts trugen, so wie ihre männlichen Kollegen auch. Die Männer sind nach den Regeln der IHF (Internationalen Handball Föderation) sogar verpflichtet, Shorts zu tragen, welche „mindestens zehn Zentimeter über dem Knie enden“. Es gibt also eher eine Regelung für eine minimale Deckung, welche in direktem Kontrast zu der verpflichtenden Maximale Bedeckung bei Frauen steht. Folglich argumentieren viele nun, dass die Hose wohl nicht die Spielqualität der Sportler:innen beeinflusst, sondern nur ein ästhetischer Faktor diesen Regelungen zugrunde liegen kann. Die EHF (Europäische Handball Federation) bezeichnet die Shorts der Sportlerinnen als „unangemessen“.

Dass viele Sportlerinnen ihre knappen Outfits als unpraktisch oder sogar erniedrigend empfinden, ist jedoch leider kein Phänomen, dass beim Beachhandball Halt macht: Auch in anderen Sportarten, wie beispielsweise dem Turnen, beschweren sich Frauen immer häufiger über die unfaire Kleiderordnung und die daraus resultierenden Gefühle. „Turnen ist natürlich auch eine ästhetische Sportart, aber ich finde, es ist trotzdem nochmal ein Unterschied zwischen Ästhetik und etwas Sexualisiertem […]. Auch wenn ich etwas poste, […] kommt dann oft als Reaktion, gerade eben von Männern, was sie geil oder toll oder heiß finden. Ich versuch das zu ignorieren, ich lösch die Nachrichten meistens auch und wenn’s mir zu viel ist, dann blockiere ich auch den Nutzer und möchte damit auch eigentlich nichts zu tun haben, weil ich meine Sportart präsentieren will und nicht meinen Körper.“, so die Turnerin Elisabeth Seitz gegenüber dem SWR.

Dass im Sport Frauen eine weniger große Rolle spielen als Männer und die Leistungen von Frauen oft grundsätzlich herabgewürdigt wird, fällt schnell auf. Vor allem in männerdominierten Sportarten ist dieses Phänomen des Öfteren zu beobachten. In den letzten Monaten hörte man manchmal, die Engländer hätten es seit 1966 nicht mehr in ein Finale der EM oder WM geschafft, was für die Männer durchaus stimmt, das Frauenteam jedoch völlig außer Acht lässt: Erst bei der Europameisterschaft der Frauen 2009 standen die Engländischen Frauen zuletzt in einer Finalrunde, so auch 1984.

Nun hier ein kleiner Selbsttest: bisher wurden 12 Frauenfußball-EM ausgetragen. Wie oft gewannen die Deutschen Frauen? Ich wage zu behaupten, die meisten, wenn nicht fast alle von uns, müssten raten. Einmal? Zweimal? Sogar dreimal? Die Antwort überrascht: Ganze acht Mal ging unsere deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft als Siegerteam aus der EM hervor. Eine Fehleinschätzung kann zeigen: Erfolg garantiert nicht gleich öffentliche Anerkennung, sondern ist im Sport auch geschlechtsabhängig.

Auch im Boxen geht es vielen Frauen nicht anders: die Glorifizierung, wie sie bei Männern oft erfolgt, bleibt aus. Nadine Apetz, eine deutsche Amateurboxerin, mehrfach ausgezeichnet auf internationaler Ebene, erzählt dem SWR von einem Erlebnis. Bei einer Boxveranstaltung mit internationalen Gästen wurde für die Männer abends eine ganze Großveranstaltung hochgezogen, „in einer tollen Halle, mit Einlaufmusik und Nebel, Lichtern und Zuschauern“. Doch die Frauen mussten ihre Kämpfe vormittags ohne Zuschauer in einer kleinen Sporthalle nebenan führen.

Selbst statistisch fällt der Sexismus auf, es sind also nicht nur Einzelfälle: Bei einer Umfrage von SWR gaben über 700 Spitzensportlerinnen in Deutschland ihre Stimme ab und gaben mehrheitlich an, mehr als ein Mann leisten zu müssen, um ähnliche gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. Jede dritte Frau gab an, Sexismus im Sport erfahren zu haben, sich aber nicht bei Verantwortlichen zu beschweren. Als Grund wurden hier vor allem Machtlosigkeit und Angst genannt; so wurden in der Vergangenheit bereits ‚unbequeme‘ Sportlerinnen aussortiert.

Rückendeckung erhielten nun zumindest die norwegischen Frauen von ihrem Landesverband, der am Dienstag (20.07.2021) bei Facebook ein Foto der Mannschaft postete und dazu schrieb: „Wir sind super stolz auf diese Mädchen, die während der EM im Beachhandball ihre Stimme erhoben und deutlich gemacht haben: GENUG IST GENUG! Der Norwegische Handballverband steht hinter Euch und unterstützt Euch. Wir werden weiterhin gemeinsam dafür kämpfen, dass das internationale Regelwerk zur Bekleidung geändert wird, damit alle Spielerinnen in der Kleidung spielen dürfen, in der sie sich wohlfühlen.“

Zudem kündigte der Verband an, die von der EHF drohende Geldstrafe in Höhe von 1500€ bezahlen zu wollen.

Quellen:

https://www.tagesschau.de/sport/sportschau/sexismus-sport-101.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Handballf%C3%B6deration

https://sport.sky.de/artikel/beachhandball-news-norwegen-muss-geldstrafe-wegen-zu-langer-hosen-zahlen/12359541/34240

https://www.focus.de/sport/mehrsport/shorts-statt-bikini-hoeschen-norwegische-beachhandballerinnen-kassieren-unglaubliche-geldstrafe_id_13513805.html

https://www.sportschau.de/handball/swr-knappe-kleidung-und-nackte-haut-warum-sich-sportlerinnen-andere-outfits-wuenschen-story100.html

https://rp-online.de/sport/handball/lange-hose-statt-bikini-geldstrafe-fuer-norwegens-beach-handballerinnen_aid-61656391

https://www.welt.de/sport/article232623281/Handball-EM-Keine-Bikini-Hoeschen-getragen-Strafe-fuer-Norwegens-Team.html

https://www.stern.de/sport/beachhandball-frauen-wollen-in-shorts-spielen—verband-besteht-auf-knappe-slips-30621848.html

https://www.swr.de/sport/frauen-im-sport/sexismus-im-leistungssport-100.html

https://www.berliner-zeitung.de/sport-leidenschaft/starker-auftritt-gegen-maenner-regeln-wer-hat-hier-die-hosen-an-beachhandball-em-sexismus-kleiderstreit-katinka-haltvik-li.172031?pid=true

https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Europameisterschaft_der_Frauen

https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Europameisterschaft

https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Weltmeisterschaft_der_Frauen

https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Weltmeisterschafthttps://beacheuro.eurohandball.com/news/en/disciplinary-commission-imposes-a-fine-for-improper-clothing/

Wie „schwul“ ist das denn?

ein Kommentar

„Nein, das ziehe ich nicht an. Das sieht schwul aus.“

„Der Typ ist so ein Schwuchtel.“

„Ne. Mache ich nicht. Ist ja voll schwul.“

Solche Sätze hört man leider immer häufiger auf den Straßen oder in dem eigenen sozialen Umfeld. Vor allem bei jüngeren Schülern scheinen diese Formulierungen beliebt zu sein. Erst gestern ist ein Junge, nicht älter als zwölf, an mir vorbeigelaufen und hat mir laut „schwul, schwul, schwul“ zugerufen, ohne einen Hintergedanken zu verschwenden, was das, was er da sagt, eigentlich bedeutet. Natürlich bin ich sehr verwirrt gewesen, da ich anfangs nicht realisiert habe, dass er mich, ein Mädchen, meint. Warum ist schwul als Schimpfwort in unserer Gesellschaft so verbreitet? Ich beschäftige mich mit dieser Frage schon lange, zumal ich „schwul“ in einem negativen Kontext auch in meinem Kontaktkreis ein paar Mal gehört habe. Wenn ich es dann anspreche, sagt man, ich solle mich nicht so anstellen, ich sei ein Spießer oder es werden einfach nur die Augen verdreht. Ich allerdings finde, es ist ein Fehler, das Wort „schwul“ als Schimpfwort zu verwenden und ein Problem, das angesprochen werden muss.

Die britische Journalistin Amy Ashenden hat eine Dokumentation mit dem Titel „The Gay Word“ gedreht, in der sie unter anderem Straßenumfragen durchgeführt hat und dabei wissen wollte, ob das Wort „gay“, also „schwul“, in einem negativen Sinne gebräuchlich ist und warum. Viele der Befragten meinten, sie benutzen Ausdrücke wie „Das ist ja schwul“, denken dabei aber nicht an Schwule oder sind homophob. Ich denke, die meisten Jugendlichen meinen es nicht auf eine homophobe Weise und denken wahrscheinlich auch gar nicht an schwule Leute, genau wie die Teenager in der Umfrage, aber genau das ist das Problem. Wenn man das Wort „schwul“ konstant in Verbindung mit etwas Schlechtem oder Falschem hört, fängt man möglicherweise an zu denken, es ist wirklich etwas Schlechtes oder Falsches. Gerade bei Leuten, die nicht viel Erfahrung mit diesem Thema haben oder Schwierigkeiten ihre Sexualität herauszufinden, kann das schwerwiegende Folgen haben. Nehmen wir als Beispiel einen 14-jährigen Jungen, der sich seiner Sexualität nicht ganz sicher ist und sich vielleicht zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt. Welche Botschaft bekommt nun dieser Junge, wenn alles, was uncool ist oder nervt, als „schwul“ gilt? Er bekommt die Botschaft, mit ihm stimmt etwas nicht oder schwul zu sein ist etwas, für das man sich schämen müsste.

Was ich auch oft höre, wenn ich Leute auf ihre nicht passende Formulierung anspreche, ist die Antwort „Ja, das sagt man halt so…“ Tatsächlich benutzen viele Menschen, vor allem Teenager, das Wort „schwul“ abwertend, weil sie in einem Umfeld aufwachsen, indem es schlichtweg normal ist, was einige der jungen Erwachsenen bei der Umfrage ebenfalls als Begründung angegeben haben. Klar, wenn es jeder um dich herum sagt, wird der eigenen Sprachgebrauch natürlich beeinflusst. Insbesondere unter gleichaltrigen Jugendlichen ist das der Fall. Ich persönlich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass die eigenen Eltern oder Großeltern „schwul“ als eine Beleidigung benutzen würden. Auch in der Dokumentation waren die älteren Befragten vielmehr verwundert, warum „schwul“ überhaupt in einem abwertenden Kontext verwendet wird, da ihnen das nie in den Sinn gekommen wäre. Ein älterer Herr meinte: „‘Gay‘ means happy and beautiful. It should have no other meaning.” (dt: “’Schwul’ bedeutet ‚glücklich‘ und ‚wundervoll‘. Es sollte keine andere Bedeutung haben.“)

Dieser Dokumentarfilm wurde damals in Großbritannien gedreht, wo das Wort „gay“ früher noch eine ganz andere Bedeutung hatte, wie dieser Herr klargemacht hat. Das Problem des Missbrauchs dieses Wortes ist gegenwärtig nicht nur bei uns in Deutschland präsent, sondern auch global.

Trotzdem gibt es meiner Meinung nach Wege etwas dagegen zu tun. Da die Schule eine der Hauptinstanzen ist, wo Jugendliche zusammenkommen und sich hier auch sprachlich beeinflussen lassen können, sollte man schon dort anfangen, Kinder über die LGBTQ-Gemeinschaft aufzuklären. Wenn man offen darüber redet und Lehrer es öfter thematisieren, wird sich ein stärkeres Bewusstsein und eine Akzeptanz über sexuelle Vielfalt entwickeln. Einfach schon in der Schule Konversationen über die Identität oder Beziehungen anzuregen, wäre bereits ein Schritt in die richtige Richtung. Zwar nur ein kleiner, aber immerhin besser als gar keiner. Denn wenn man nichts tut, wird auch „schwul“ leider weiterhin für viele ein Schimpfwort bleiben.

Antisemitismus in Deutschland – ein Phänomen der NS-Zeit?

Racism, Black Lives Matter, African-American, Equality

Antisemitismus ist mehr als Fremdenfeindlichkeit, auch mehr als ein soziales oder religiöses Vorurteil. Er ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz jüdischer Personen die Ursache aller Probleme sieht, kurz gesagt – Judenhass. Die jüdische Geschichte, so reichhaltig sie auch ist, ist von jeher von Ausgrenzung, Hass und Gewalt geprägt.

Antisemitismus ist nicht allein ein Phänomen der NS-Zeit, sondern ist bereits seit dem frühen Mittelalter in Deutschland zu finden. Als schließlich Hitler im Jahre 1933 die Macht ergreift, setzt eine Vernichtungspolitik in noch nie gesehenem Ausmaß ein, die zur Ermordung von etwa sechs Millionen Juden führt. Der Judenhass, der sich im Zeitalter des Nationalsozialismus ins Unermessliche steigert, äußert sich durch Maßnahmen wie gewaltsame Verfolgung, gesetzliche Diskriminierung, Deportation der Juden bis hin zur systematischen Judenvernichtung. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten leben circa 500.000 Juden im Deutschen Reich, was weniger als ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmacht. Auf die mühsam errungenen Rechte, die die jüdische Gemeinschaft nach und nach erlangte und den daraus resultierenden Erfolg der Juden in Wirtschaft und Kultur in diesen Zeiten, folgt Neid, welcher zu zunehmendem Antisemitismus und stark ausgebildeten Stereotypen führt. 1935 werden deutsche Juden durch eine antijüdische Gesetzgebung ihrer Grundrechte beraubt. Die ökonomische Benachteiligung wird durch Boykotte, Entlassungen, Berufsverbote und Enteignungen sichtbar und immer mehr Juden verlassen Deutschland. 1938 äußert sich der Judenhass erneut in extremeren Formen. Antisemitische Kräfte radikalisieren sich weiter und die Lage spitzt sich in der Reichspogromnacht, in der die Zerstörung jüdischer Gebäude und Verhaftungen jüdischer Bürger ihren Höhepunkt erreicht, zu. Im Zuge der Novemberpogrome werden etwa 26.000 Juden aus ganz Deutschland in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen gebracht. Die jüdische Bevölkerung wird von da an in einem nie da gewesenen Ausmaß verschleppt und diskriminiert. Die jüdische Emigration wird zur Massenflucht. Ab Oktober 1941 werden die verbliebenen 163.000 Juden systematisch aus dem Deutschen Reich deportiert und ca. zwei Millionen Juden aus Deutschland und verbündeten Staaten kommen bis Kriegsende 1945 in Vernichtungslagern ums Leben. Im sogenannten Holocaust erleiden insgesamt etwa sechs Millionen Juden den Tod. Auch Landshuter Bürger werden zu dieser Zeit Opfer des Antisemitismus. Martin Ansbacher erzählt in einem Interview von den Qualen und Erniedrigungen, die sein Vater damals im Arbeitslager Dachau erlitt: „Eines Tages brach mein Vater neben mir während des Appells zusammen, und natürlich half ich ihm auf. Sofort schreit mich ein SS-Mann an: „Wieso hilfst du diesem Juden?““ Obwohl Dachau kein Vernichtungslager gewesen ist, werden es die Wenigsten lebend oder unverletzt entlassen: „Schließlich wurden wir entlassen und konnten mit dem Zug nach Hause fahren. Am Morgen danach bekam ich Fieber und schlimme Rückenschmerzen. Der Doktor diagnostizierte eine Nierenentzündung. Tagelang, wochenlang, litt ich Höllenquallen.”

Antisemitismus – ein Phänomen, welches vor allem mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. Mittlerweile lebt in Deutschland wieder die drittgrößte jüdische Gemeinschaft Europas und dennoch ist Antisemitismus auch heute noch in Teilen der Bevölkerung verankert. 2017 in Berlin: Augenzeugen berichten von offener Holocaust-Leugnung und der Verbrennung israelischer Flaggen. Traditionelle antisemitische Vorurteile, sekundärer Antisemitismus und israelbezogener Antisemitismus sind hier nicht selten zu finden. Dies ist nur ein Beispiel von vielen: Im Mai 2021 wird in Mannheim eine Synagoge beschädigt. In Berlin, Würzburg und Solingen wird die von der Regierung gehisste Israel-Flagge gestohlen und beschädigt. In Gelsenkirchen müssen Demonstrationen gegen die Politik Israels unter palästinischer und türkischer Fahne gestoppt werden. Von Seiten der Politik heißt es „Null Toleranz“ gegenüber Judenfeindlichkeit, so Heiko Maaß. Auch Franz-Walter Steinmeier betont, dass das Grundgesetz zwar das Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit garantiere, dass die Verbrennung von Fahnen mit Davidstern und das Brüllen antisemitischer Sprüche aber nicht nur als Missbrauch der Demonstrationsfreiheit, sondern als Straftat gelte und verfolgt werden müsse. Der wieder zunehmende Antisemitismus sorgt für Angst unter den Leuten. Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach sagt: „Für unsere Mitglieder, die zu einem großen Teil aus der ehemaligen Sowjetunion kommen, ist das beängstigend und emotional schwer zu verkraften.“ Nachdem vor kurzem auch in Bonn vor einer Synagoge eine israelische Flagge brennt, äußert sich nun ebenfalls die Vorsitzende der Synagogengemeinde Bonn: „Es ist mir egal, woran die Leute glauben. Aber leider sind es immer wieder junge islamistische Männer, die uns Juden angreifen.“ Der Antisemitismus komme jedoch von allen Seiten, auch von Rechten, Linken und aus der Mitte der Gesellschaft. „Die Menschen kennen keine Juden und hassen sie trotzdem.“ Einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte nach sind 41 % der jüdischen Befragten in den letzten 12 Monaten von antisemitischen Übergriffen betroffen gewesen. Die Kriminalität von Judenhassern hat 2019 den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten erreicht. Die Polizei registriert in diesem Jahr etwa 2000 antisemitische Straftaten, die vor allem rechts-konservativen Tätern zuzuordnen sind. 2020 steigt diese Zahl auf ca. 2350 und damit erneut auf eine Höchstzahl. Auch jüdische Jugendliche haben in Schule und Freizeit unter antisemitischen Äußerungen zu leiden. „Du Jude“ als Schimpfwort gehört auf vielen Pausenhöfen zum festen Sprachgebrauch, so Iris Berben. Unter körperlichen Angriffen hat ein Schüler aus Frankfurt am Main aufgrund des öffentlichen Tragens der Kippa zu leiden. Ein anderer Schüler äußert den Wunsch „nicht auf die Welt gekommen zu sein“, den der tägliche Antisemitismus in ihm auslöst. Antisemitismus beziehungsweise Rassismus führt laut ihm dazu, „dass man sich selbst nicht mag“. Auch Julia Bernstein thematisiert die Problematik in ihrem Buch „Antisemitismus an Schulen in Deutschland“. Sie berichtet beispielsweise von Aussagen eines Lehrers, welcher wörtlich zu einem seiner Schüler sagt: „Wenn alle Juden sind wie du, dann kann ich Hitler verstehen.“ Auch innerhalb der Klassengemeinschaft sind jüdische Schüler vor antisemitischen Äußerungen nicht sicher. Die einen leugnen den Holocaust, die anderen meinen „der Mitschüler hätte mit vergast werden sollen“.

Antisemitismus ist im Laufe der Zeit zwar offensichtlich zurückgegangen und im Ausmaß der NS-Zeit nie wieder vorgekommen, dennoch ist er nicht verschwunden. Die Allgegenwärtigkeit des Judenhasses ist vielen Deutschen nicht bewusst und doch bekommen ihn viele jüdische Bürger täglich zu spüren. Das Bild völliger Gleichberechtigung und das Ablegen von Vorurteilen Juden gegenüber ist eine utopische Illusion. Antisemitismus ist kein Phänomen aus der Vergangenheit, das getrost vergessen werden kann. Er ist immer noch gegenwärtig und wird auch von Seiten der deutschen Politik weiterhin bekämpft.

Quellen: https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/hey-ich-bin-jude-104.html https://www.annefrank.org/de/anne-frank/vertiefung/was-ist-der-holocaust/ https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/gerettete-geschichten/177625/vertreibung-und-vernichtung-der-juden-aus-dem-deutschen-reich https://gymnasium.seligenthal.de/827/articles/1037 https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/juedischesleben/ https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Antisemitismus_bis_1945 https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37966/aktuelle-phaenomene-stroemungen-debatten https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/polizei-antisemitismus-synagogen-101.html https://www.tagesschau.de/inland/antisemitismus-nahost-konflikt-101.html https://www.tagesspiegel.de/politik/rekordzahl-antisemitischer-kriminalitaet-in-deutschland-straftaten-von-judenhassern-auf-hoechstem-stand-seit-2001/25863836.html https://mediendienst-integration.de/desintegration/antisemitismus.html https://www.lpb-bw.de/reichspogromnacht#c13981 https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37945/was-heisst-antisemitismus https://gymnasium.seligenthal.de/827/articles/1037 Ehm, Matthias: Abitur Skript Geschichte Gymnasium Bayern. Stark Verlag GmbH, 2020

Lexikonartikel: NSDAP

NSDAP steht für Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei. Sie wurde in der Weimarer Republik gegründet, das war kurz nach dem Ersten Weltkrieg, und ihre Grundgedanken war antisemitisch und gegen die Demokratie in Deutschland.

Die Partei war so ausgelegt, dass ein Person in der Partei eigentlich die ganze Macht hatte. Der Vorsitzende dieser Partei war ab 1921 der spätere Reichskanzler Adolf Hitler, unter dem sie Deutschland als nationalsozialistische Dikatur beherrschte. Als der Zweite Weltkrieg 1945 endete, wurde ihr gesamtes Kapital entzogen und die Partei wurde verboten.

Die Partei wurde 1929 im Münchner Hofbräuhaus begründet, indem man die Deutsche Arbeiter Partei (DAP) in NSDAP umwandelte, wobei das „NS“ im Namen die Besonderheit dieser Partei hervorheben sollte. Zudem veröffentlichte die Partei ihr sogenanntes 25-Punkte-Programm, dessen Hauptpunkte u.a. die Aufhebung des Versailler Friedensvertrags, der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft für Juden und die „Stärkung der Volksgemeinschaft“ waren. Schon kurz der Gründung begann die Partei Gründungsausweise auszugeben, und weil sie nicht als unbedeutende Kleinpartei abgetan werden wollten, begann ihr Parteiregister bei der Zahl 501. Adolf Hitler hatte die Nummer 555 inne.

Schon von 1920 an kooperierte die Partie mit der österreichischen DNSAP und der Tschechoslowakei. 1922 wurde die Partei in vielen Teilen Deutschlands verboten. Erst in Baden, dann Thüringen, Braunschweig, Hamburg, Preußen und Mecklenburg und Schwerin. Die Verbote waren von unterschiedlicher Stärke, sodass in manchen Teilen Deutschlands auch NSDAP-Partnergruppen verboten wurden. In anderen Teilen des deutschen Reichs, in denen sie noch nicht verboten war, fand sie großen Anklang, vor allem in Bayern, wo auch ihr Haupsitz lag. Doch das änderte sich entscheidend, als der sogenannte Hitlerputsch sein Ziel verfehlte. Der Hitlerputsch war der Versuch der NSDAP München zu erobern, wobei eine menge Leute durch die Straße maschierten – auf dem Weg zum königlich-bayrischen Kriegsministerium, welches die Menge unter Führung Hitlers mit Waffengewalt einnehmen wollte, nachdem Hitlers Versuche, durch Worte die Menschen auf die Seite der NSDAP zu ziehen, gescheitert waren. Aber der Putschversuch wurde von der Polizei unterbunden. Danach wurde die NSDAP bis Februar 1925 in ganz Deutschland verboten. Hitler floh, wurde aber gefasst und zu fünf Jahren Haft verurteilt, wovon er allerdings nur wenige Monate verbüßen musste. In den daraufolgenden Wahlen erreichte die NSDAP nur 6,6% der Stimmen. In der nächsten nur noch 3%. Kurz nach Hitlers Entlassung 1924 erschien 1925 der erste Band seines Buches „Mein Kampf“, der nächste Band erschien 1926.

Die NSDAP, welche scheinbar erst eine ganz „gewöhnliche“, kleine, aber bereits deutlich antisemitische Partei war, entwickelte sich bald zu einer Partei mit großem politischen Spektrum, auch weil eine damals sehr bekannte Zeitschrift von Alfred Hugenberg die NSDAP, insbesondere Adolf Hitler, sehr bekannt machte.  Zwischen 1925 und 1930 wuchs die Anzahl der Parteimitglieder von 27.000 auf 130.000 Menschen an und bereits 1926 wurde der Hitlergruß als parteiinterne Grußformel eingeführt und Hitler als Führer tituliert. Mit Gründung der Hitlerjugend und dem Straßenterror der SA, einer Ordnugstruppe der NSDAP, wurden vermehrt Jugendliche und junge Männer für die Partei gewonnen. Die NSDAP erhielt nun auch verstärkt Zustimmung von Bauern, Handwerkern und Studenten.

Nachdem Paul von Hindenburg 1930 den Reichstag aufgelöst hatte, wird die NSDAP bei den Neuwahlen mit 18,3% der abgegebenen Stimmen nach der SPD zur zweitstärksten Partei gewählt. So kam es, dass sich die NSDAP nun mit anderen rechtsextremen Parteien zusammenschloß, um die Weimarer Republik zu bekämpfen und die Demokratie zu Fall zu bringen. Ein Jahr später, 1932, bekämpften sie einander im Wahlkampf.

Allerding gelang es Hindenburg erneut, Reichspräsident zu werden. Adolf Hitler wurde „lediglich“ Zweiter. Bei den Landtagswahlen in vielen Ländern wurde die NSDAP  am häufigsten gewählt. Trotzdem durchlief die Partei danach eine Krise, deren Höhepunkt sehr schlechte Wahlergebnisse bei der nächsten Wahl waren. Dies war jedoch nur von kurzer Dauer und ihre Mitgliederstärke erhöhte sich auf ca. 850000 Menschen, wobei davon viele Nichtwähler waren, welche gezielt von der NSDAP angeworben wurden.

1933 wurde Hitler Reichspräsident. Bei den darauffolgenden Wahlen bekam die NSDAP allerdings immer noch nicht die absolute Mehrheit, weshalb sie ein Bündnis mit allen Parteien außer SPD und KPD einging. Damit konnten sie das Ermächtigungsgesetz in Kraft setzen und so bekam Hitler fast uneingeschränkte Macht. Daraufhin verbot dieser alle Parteien außer die NSDAP.

Am 1.Dezember 1933 erließ die NSDAP das „Gesetz zur Sicherung der Einheit zwischen Partei und Staat“. Mithilfe dieses Gesetzes besetzte die NSDAP alle wichtigen Stellen in Wirtschaft und Regierung.

Mit der Zeit wurde der Einflussbereich der NSDAP wegen parteiinterner Querelen und Hitlers Machtvakuum stark geschmälert. Als Hitler nach dem Röhmputsch keine Feinde innerhalb der Partei mehr hatte, wurde die NSDAP während des Zweiten Weltkrieg auch nur noch mit der Besetzung wichtiger Führungspositionen betraut. Nach dem Krieg wurde 1945 die NSDAP verboten und erst ein Jahr später 1946 in Nürnberg zu einer verbrecherischen Organisation erklärt.

Kommentar: Kulturverlust oder Toleranzverlust?

„Die nehmen uns doch nur unsere Kultur.“ Diesen Satz hört man in der heutigen westlichen, globalisierten Welt immer häufiger, und besonders durch die aktuelle Flüchtlingsproblematik wird diese Aussage immer mehr in den Mittelpunkt vieler politischer oder alltäglicher Diskussionen gestellt. Doch inwiefern wird unsere Kultur uns wirklich „genommen“ oder gar „zerstört“?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich erst darüber im Klaren sein, was alles in dem kurzen Wörtchen „Kultur“ steckt. Wenn man jetzt bei Google diesen Begriff eingibt, erscheint als Erstes diese Definition:

„Die Gesamtheit der geistigen, künstlerischen und wissenschaftlichen Leistungen, die ein Volk und/oder eine Epoche charakterisieren.“

Unter dieser Aussage kann man jedoch ziemlich viel verstehen und genau das ist der springende Punkt beim Thema „Kultur“. In diesem einen Wort sind so viele Aspekte einer Gemeinschaft inbegriffen, dass man nicht so schnell von einem „Kulturverlust“ ausgehen kann, wie es manche vielleicht tun, alleine schon deshalb, weil Kultur über Jahrhunderte, gar Jahrtausende gewachsen ist. Sprache, Traditionen, künstlerische Arbeiten, Essgewohnheiten, Wertevorstellungen,  der Umgang mit unseren Mitmenschen – das alles gehört mitunter zu unserer Kultur. Und nehmen uns in unserem Fall die aufgenommenen Flüchtlinge oder die zugezogenen Einwanderer dies wirklich weg?

Für diese Frage gibt es einen ganz simplen Gedankenansatz: Nur weil Menschen aus anderen Ländern einen Teil ihrer ganz eigenen Kultur mit nach Deutschland nehmen, bedeutet das noch lang nicht, dass dadurch etwas von der deutschen Kultur aufgegeben werden muss, geschweige denn, dass sie verdrängt oder unterwandert wird. Die Kulturvorstellung unseres Landes ist kein vollbepackter Koffer, aus dem man jedes Mal, wenn neue kulturelle Einflüsse in unser Land kommen, etwas von unserer eigenen Kultur herausnehmen muss, damit etwas anderes hineinpasst. Unsere (demokratische) Kulturvorstellung ist vielmehr ein breiter Horizont, der Jahr für Jahr in Frieden und Wohlstand erweitert wird und welcher durch viele verschiedene Aspekte bereichert oder ergänzt wird; sei es durch die Globalisierung, den technischen Fortschritt, die stetige Anpassung der Normen an die heutige Zeit oder die Migration. Dass (äußere) Einflüsse auf Kulturen / Gesellschaften nicht immer reibungslos ablaufen, steht außer Frage. Und gerade in Anbetracht negativer Effekte der Globalisierung oder des technischen Fortschritts ist ein kritischer Rundumblick nicht verwerflich, sondern auch sehr notwendig.

Laut ZEIT ONLINE hat sich 2016 die Zahl der fremdenfeindlichen Gewalttaten im Gegensatz zum Vorjahr verdoppelt. Angesichts dieser Entwicklung klingt die Angst vor einem Kulturverlust im Bezug auf Flüchtlinge oder Migranten für mich mehr nach einem Toleranzverlust gegenüber Menschen in Not sowie deren Kulturen. Die deutsche „Willkommenskultur“ wurde ein weltweit verbreiteter Begriff, welcher Aspekte wie Solidarität, Toleranz und Akzeptanz widerspiegelt bzw. widerspiegeln soll. Doch vielleicht ist genau diese Art von Kultur die einzige, die gerade verloren geht.

Kommentar: Politische Korrektheit – Nein, danke?!

SoR-SmC Exklusiv

Die Idee der political correctness ist in den 1980ern im Zuge der Antidiskriminierungsbestrebungen in den USA entstanden. Ursprünglich verstand man darunter, dass bestimmte Handlungen und Ausdrücke vermieden werden sollten, die eine Gruppe von Menschen beleidigen könnten. Doch mittlerweile ist die Bezeichnung meist negativ besetzt und wird sogar von den Gegnern als abwertender Kampfbegriff verwendet. Aber was steckt da denn jetzt wirklich dahinter?

Eigentlich geht es doch größtenteils nur um Höflichkeitsformen und darum, die positiven Gesichtspunkte zu betonen. Aber immer häufiger teilen Menschen – von Grün bis Schwarz, von Jung bis Alt – die Auffassung, dass man es mit der political correctness übertreibe. Ihnen zufolge fördert zu viel Rücksichtnahme lediglich die Lächerlichkeit dieses „übermäßigen“ Euphemismus. Die gesellschaftlichen Zustände werden dabei verharmlost. Außerdem führen dogmatische Sprechvorgaben nur dazu, dass die Bevölkerung sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt und einem „tugendterroristischen Anpassungsdruck“ ausgesetzt fühlt. Ja, sogar der Anstieg der Mitgliederzahlen der „Alternative für Deutschland“ (AfD) wird damit begründet, dass wir Bürger von der political correctness so stark bevormundet werden, dass sich Druck aufbaut und wir uns ein Ventil suchen, um ihn abzulassen. Und dieses Ventil ist die AfD, in der man endlich das sagen kann, was man sich schon immer dachte, aber nie sagen traute.

Eine feige Ausrede

Meiner Meinung nach ist das allerdings nur eine feige Ausrede: man werfe nur mit rechten Hetzparolen um sich, weil die Politik und die Gesellschaft einen angeblich dazu getrieben hätte, und, ach ja, man demonstriere dadurch ja nur die persönliche Meinungsfreiheit. Nicht selten folgt ein „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ auf ein „ich bin ja kein Rassist, aber…“. Dass aber political correctness in keinem Sinne die eigene Meinung verbietet, Gehirnwäsche oder einen Eingriff ins Denken betreibt, scheint erstmal unwichtig.

Kann man nicht immer noch seinen Standpunkt ausdrücken, nur halt eben mit besser ausgewählten, treffenderen Begriffen, die niemanden beleidigen? Was ist so schlimm daran „Schokokuss“ oder „Afroamerikaner“ zu sagen und nicht nur die „Schüler“, sondern eben auch die „Schülerinnen“ anzusprechen? Letztlich ermöglicht es political correctness, mit sensibleren Themen auch feinfühliger umzugehen. Und ja, auch wenn sich durch eine neue Bezeichnung nichts an der Situation ändert, so werden zum Beispiel Berufe mit nach öffentlicher Wahrnehmung „mäßigem“ sozialen Prestige zumindest sprachlich aufgewertet und aus einer „Putzfrau“ wird eine „Raumpflegerin“.

Klar, politcal correctness ist nicht der beste Weg, um soziale Ungleichheit zu bekämpfen, schließlich geht es ja nicht um das Wort an sich, sondern darum, warum es als „minderwertig“ angesehen wird. Aber sie ist eben auch nicht der schlechteste Weg, denn die Sprache kann so viel verletzender sein als physische Gewalt. Wenn man den betroffenen Personen (und um genau zu sein, kann das jeder sein) wenigstens diese Demütigung ersparen kann, dann ist das doch schon mal positiv.

Die deutsche Autorin und Publizistin Carolin Emcke, die übrigens 2016 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde, bringt es auf den Punkt: „Lieber politisch korrekt als moralisch infantil“. In einem Interview mit dem Tagesspiegel geht sie auch weiterhin darauf ein, dass es doch ziemlich trostlos sei, dass „Gutmensch“ mittlerweile eigentlich schon als Beleidigung angesehen wird.

Political Correctness hat ihre Schwächen, ja, aber wenn sich der berühmteste rechte Blog in Deutschland mit „POLITICALLY INCORRECT“ betitelt, dann bin ich stolz darauf, politisch korrekt zu sein.

Kommentar: „Bist du schwul, oder was?“ – Ein Plädoyer für mehr Toleranz

SoR-SmC Exklusiv

„Hahaha, das sieht voll schwul aus.“ Dieser Satz ist eigentlich gar nicht auf eine homosexuelle Person bezogen. „Schwul“ bedeutet in diesem Kontext so etwas wie „nicht schön“, „eigenartig“ oder sogar „hässlich“. Man könnte meinen, unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert sei tolerant und aufgeklärt – wie kommt es dann aber, dass eine sexuelle Orientierung als Schimpfwort verwendet wird?

Mann und Frau zusammen bilden nach wie vor das typische Beziehungsbild. Klar, das lässt sich auch begründen, denn nur daraus gehen letztlich Kinder hervor und die Gesellschaft braucht Kinder, der demographische Wandel ist kaum zu leugnen. Trotzdem kann das kein Grund sein, jemanden auszugrenzen. Man kann Kinder adoptieren, es gibt künstliche Befruchtungen usw. Aber natürlich bleiben Vater und Mutter trotzdem nach wie vor die besten Eltern.

Schon immer gab es Menschen, die nicht nur in puncto Sexualität anders waren, als es die Norm vorsah – sie wurden über Jahrhunderte hinweg verfolgt, gefoltert, hingerichtet. Aber weswegen? Wir sind doch alle Menschen!

In den USA kursierte eine Weile das Gerücht, die Teletubbies würden die Kinder „schwul machen“, weswegen sie schlecht wären und abgeschafft gehörten. Im Februar 1999 erschien im National Liberty Journal des US-amerikanischen Fernsehpredigers Jerry Falwell der Artikel Tinky Winky Comes Out of the Closet, welcher Eltern vor der homosexuellen Agenda der Teletubbies warnte. Tinky-Winky sei schwul, denn er ist violett – die Gay-Pride-Farbe (in den USA ist lavendelfarben eine althergebrachte homosexuelle Symbolfarbe), seine Antenne wird mit dem Rosa Winkel in Verbindung gebracht, den Homosexuelle in nationalsozialistischen Konzentrationslagern tragen mussten und der daher später ebenfalls zu einem Gay-Pride-Symbol wurde, und er trägt eine Handtasche. Im Artikel heißt es, die „subtile Darstellung“ schwuler Sexualität sei Absicht und der Autor kommt zu dem Schluss: „Als Christ fühle ich, dass das Vorbild des homosexuellen Lebensstils schädlich für das moralische Leben von Kindern ist.“ [fachliche Anmerkung: Christen in den USA gehören unterschiedlichen Splittergruppen an, die teilweise sektenähnlich organisiert sind]. Aus demselben Grund wurde im Mai 2007 Polen überlegt, ob die Teletubbies aus dem Programm genommen werden sollen.

Dass Kinder dadurch nicht „schwul gemacht“ werden, sondern eher von vornherein lernen, sich darüber nicht zu wundern und sich keine vorurteilsbehafteten Gedanken zu machen, steht für mich außer Frage. Aber warum haben die Menschen überhaupt so viel Angst davor?

Die Furcht vor dem Andersartigen und Unbekannten war schon immer weit verbreitet (vgl. Hexenverbrennung im Mittelalter). Wenn jemand anders aussah, andere Fähigkeiten oder Eigenschaften besaß als die meisten anderen, musste es schlecht und falsch sein. Eine einseitige, ja mehr als kurzssichtige Denkhaltung ist das meiner Meinung nach und nicht selten lässt sich dahinter, wenn nicht ein niedriger Bildungsstand, dann zumindest ein geringer Wissensstand oder ein Minimalmaß an Toleranz in dieser Hinsicht vermuten.

Wenn Homosexualität im Alltag stärker (vorbehaltlos) thematisiert werden würde sowie – bildlich gesprochen  – nicht mit LED-Pfeilen darauf gezeigt werden würde – könnte sich vielleicht etwas in unserer Gesellschaft verändern. Natürlich muss niemand etwas für „gut“ oder „nicht gut“ befinden, wenn er es nicht möchte. Es geht auch gar nicht darum, mit der Keule jemandem Toleranz aufzuzwingen oder ihn von einer Sache zu überzeugen, hinter der er nicht steht. Dennoch wäre es gerade in einer demokratischen Gesellschaft wie unserer wünschenswert, dass man das, was eben AUCH da ist, nicht als abnorm oder „schlecht“ abtut, sondern zumindest als etwas gleichwertig Mögliches neben dem eigenen Vorstellungskonzept akzeptiert – und nur dann darüber urteilt, wenn man auch wirklich etwas darüber weiß. Voraussetzung ist allerdings immer, dass durch das „Andere“ niemand zu Schaden kommt oder negativ beeinflusst wird.

Die Bundessprecherin der Alternative für Deutschland (AfD), Frauke Petry, hat hinsichtlich der o.g. Forderung nach einer toleranteren Sichtweise scheinbar insgesamt eine andere Meinung als ich. In einem Interview mit dem Youtube – Kanal „Jung & Naiv“ beklagte sie sich, dass homosexuelle Figuren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen „zum Standard erhoben“ würden. Es komme „fast kein Spielfilm in Deutschland mehr […] ohne das schwule Pärchen [aus], das dann ganz toll gefunden wird von Mutter und Vater, die nach Hause kommen“. Sie begründete ihre Aussage mit dem klassischen Argument, dem Kindermangel in Deutschland. Auch das volle Adoptionsrecht für Lesben und Schwule lehnte Petry mit dieser Begründung ab: „Der politische Standard für die AfD ist die Partnerschaft der Familie aus Frau, Mann und Kindern, weil daraus in der Regel zumindest die Kinder hervorgehen.“

Keine Ahnung, welche Filme sie sich ansieht, aber zuhauf kommen Homosexuelle in Film und Fernsehen meiner Meinung nach nicht vor. Hier und dort, selten ist die Figur aber der Protagonist. Und so, wie Frauke Petry es formuliert, klingt es, als wäre Homosexualität eine Art modische Erscheinung oder eine allgemeine Tendenz, homosexuell zu sein – frei nach dem Motto „Ach, jetzt ist das gerade ein Trend, oder?“ Eigentlich ist es doch aber eine Errungenschaft, dass Homosexuelle in den Medien erscheinen. Ein Versuch, den Leuten zu zeigen: Es gibt auch solche Menschen und die sind ganz normal – allmählich in der öffentlichen Wahrnehmung befreit von ihrem Stigma. Damit ist es aber meiner Meinung nach noch lange nicht getan.

Homosexuell zu sein, ist immer noch irgendwie schwierig. Es wird gut überlegt, wem gegenüber man sich outet und wann – und dann ist es gefühlt immer ein „Riesending“. Warum heißt es überhaupt „Outing“? „Out“ bedeutet doch „aus der Mode“, etwas „rauslassen“ (für das man sich schämen muss / weil es belastet) bzw. in einem anderen Kontext „raus“ – vielleicht sogar raus aus der Gesellschaft oder zumindest nicht „drin“? Allein dieses Wortspiel lässt erkennen, wie Homosexualität im Alltag unnatürlich aufgeblasen und über Gebühr in der öffentlichen Wahrnehmung „problematisiert“ wird.

Wenn das Thema „homosexuell sein“ zur Sprache kommt, sagen die meisten, sie hätten nichts gegen diese Leute. Sie reden darüber, als wäre das eine Gruppe von Menschen, die auf der anderen Seite der Welt lebte oder auf einem anderen Planeten,  ganz weit weg eben. Aber wenn sie selbst direkt damit konfrontiert werden, sähe es wahrscheinlich ganz anders aus. (Zum Beispiel sagen manche hinter vorhehaltener Hand, dass sie es nicht so toll fänden, wenn ihre Kinder homosexuell wären.)

Außerdem fällt auf, dass schwul zu sein scheinbar ein größeres Thema darstellt als lesbisch zu sein. Meistens wird nur über die Männer gesprochen. Warum ist das eine diskussionswürdig, das andere kein Thema? Vielleicht liegt es auch daran, dass bei Frauen die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe aufgrund der Zuweisung „Frauen sind emotionaler“ fließend erscheint. Bei Männern ist das anders. Für Teenager-Jungs scheint zu gelten: lieber nichts Rosafarbenes anziehen, lieber nur Einklatschen mit den Kumpels anstatt Umarmen, breitbeinig sitzen und Bier trinken, man könnte ja sonst schwul wirken. Dass Männer Angst davor haben, zeigt, dass sie damit etwas Negatives verbinden. Also kann man nicht von allgemein vorherrschender Akzeptanz sprechen.

Sexualität ist ein Thema, mit dem sich die Menschen augenscheinlich eher nicht so gerne auseinandersetzen. Außerdem gibt es viele Lebensformen und Orientierungen, von denen die meisten nichts wissen. Natürlich darf niemand gezwungen sein oder sich unter dem Denkmantel der Forderung nach mehr Toleranz gezwungen fühlen, Wissen über Dinge zu haben oder (ungefragt) zu bekommen, wenn sie sich nicht dafür interessieren oder sich diese Dinge nicht in das eigene Weltbild integrieren lassen – und damit womöglich mehr belastet als Nutzen bringt. Es  steht letztlich jedem frei, was er weiß, und jeder hat das Recht auf Nichtwissen. Dennoch darf als Faustregel gelten: wer urteilt, kann das letztlich nur auf Grundlage von Wissen tun – dabei wird man schnell ungerecht, ohne darüber nachgedacht zu haben, dass man dabei indirekt ausgrenzt oder zu Unrecht Menschen auf einzelne Merkmale reduziert: der Kerngedanke meiner Kritik!

Im Zusammenhang mit Wissen gilt es noch zu bedenken, dass durch die mediale Enttabuisierung und latente Verfügbarkeit von Sexualität ein neuer, nicht ungefährlicher Zugang zu selbiger geschaffen wurde, der gerade junge Menschen, die sich noch in der Phase der Selbstfindung befinden, womöglich irritert – ist der Zugang schließlich ein anderer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Es stellt sich also die Frage, ob angesichts dieser Omnipräsenz sexueller Inhalte und Erscheinungsformen nicht womöglich doch die wissenserweiternde, pädagogisch begleitete Beschäftigung damit insofern notwendig ist, als nur durch sie ein adäquater Schutz der Jugend möglich erscheint, ganz nach dem Motto: „Lasst unsere Kinder damit nicht alleine!“ In dieser Hinsicht ist Wissen also wohl nicht verkehrt, da sie Mündigkeit befördert, durch welche in letzter Instanz im Rahmen der eigenen konsolidierten Werte- und Normenordnung Toleranz entstehen kann, die nicht belastet oder verwirrt, sondern ein „Leben und leben lassen“ ermöglicht.

Wir sind alle unterschiedlich, nicht für jeden passt das, was als Standard oder Norm angesehen wird, nicht nur in sexueller Hinsicht. Aufgezwängtes kann sogar seelisches (und in der Konsequenz nicht selten auch körperliches) Leid hervorrufen – ebenfalls in jedweder Hinsicht. Wenn man darüber nicht nachdenkt, darüber nicht spricht, und sich nicht informiert, wird sich auch nichts ändern.

Wahrscheinlich wäre das alles gar nicht so besonders, würden die Menschen das Thema Sexualität für / vor sich selbst enttabuisieren. Wenn das bei mir der Fall wäre, hätte ich das  hier wahrscheinlich nicht geschrieben.