Archiv für den Monat Dezember 2021

Silvester – das Jahresendfest

Feuerwerk, Neujahrshämmern, Punsch statt Sekt, Bleigießen und vieles mehr gehört für die meisten Deutschen zu den Silvesterbräuchen. Doch was für uns als typische Tradition erscheint, kommt meist nicht von ungefähr.

So das Feuerwerk. Bereits die Germanen haben das neue Jahr mit Feuerwerken begonnen, aber nicht um es zu begrüßen, sondern um die Geister zu verscheuchen – für uns ist es heutzutage selbstverständlich, mit Feuerwerken das neue Jahr zu „begrüßen“.

Auch das Bleigießen haben wir von den alten Römern übernommen, die als erstes Volk die Bleiverhüttung betrieben haben. Es diente der Wahrsagung, heute wird das Bleigießen überwiegend in weniger ernster Weise am Silvesterabend praktiziert.

Außerdem ist es für viele unter uns selbstverständlich, Silvester zu feiern – doch dabei kennen die meisten die Hintergründe zur „Dezemberparty“ gar nicht.

Das Jahresendfest hat seinen Namen erst seit dem 16. Jahrhundert, denn 1582 wurde der letzte Tag im Jahr vom heutigen Heiligabend auf den 31. Dezember verlegt, den Todestag von Papst Silvester I.

Demnach ist der Name „Silvester“ von liturgischem Ursprung und war vor allem anfangs ein überwiegend weltliches Fest, da die Kirche das Tanzen, Essen und Trinken zum Jahresende erstmals versuchte zu bekämpfen. So verhängte sie am 1. Januar einen Buß- und Fastentag, um mehr Menschen in die Kirchen zu locken, jedoch erfolglos.

Mittlerweile steht das reine Zelebrieren des neuen Jahres im Vordergrund, ohne sich Gedanken zu machen, was es eigentlich mit Silvester auf sich hat.

Wie weihnachtet es woanders?

Weihnachtstraditionen in anderen Teilen der Welt

Es ist der 24. Dezember, Heiligabend. Nach dem Besuch in der Kirche, um sich das Krippenspiel und natürlich auch den Gottesdienst anzuschauen, geht es meist auf zu den Großeltern zum Abendessen. Es gibt Würstchen mit Kartoffelsalat und danach noch ein leckeres Dessert. Und dann kommt auch schon der Moment, auf den alle Kinder schon den ganzen Tag gewartet haben: die Bescherung. Nun dürfen endlich die Geschenke ausgepackt werden, die das Christkind vorher vorbeigebracht hat. Der restliche Abend wird mit Gesellschaftsspielen und einem besinnlichen Beisammensein verbracht. Groß aufgekocht wird dann erst am 1. oder 2. Weihnachtsfeiertag, wenn die ganze Familie beisammen ist. So wird das Weihnachtsfest wahrscheinlich bei den meisten von uns hier in Deutschland aussehen, aber wie ist das eigentlich in anderen Ländern und Kulturen?

Gehen wir zuerst einmal nach Brasilien, das Land aus dem uns wohl eher die Karnevalstraditionen bekannt sind.

Weihnachten fällt in Brasilien in den Sommer, man hat also eher Hitze und geht sich sonnen am Strand, anstatt Schneemänner zu bauen und Schlitten zu fahren. Trotzdem sind hier die Straßen und natürlich auch die privaten Häuser schön weihnachtlich dekoriert, mit vielen Lichtern und bunten Kugeln. Weihnachtsstimmung ist also auf jeden Fall zu finden, trotz den hohen Temperaturen, obwohl das für uns Europäer in gewisser Weise unvorstellbar wirkt. Am größten wird auch hier am 24.12 gefeiert – dem véspera de natal. Hierbei steht, neben dem Besuch von papai noel, vor allem das große Festmahl, das ceia de natal, im Vordergrund. Die ganze Familie kommt zusammen und es gibt oft Truthahn, der mit farofa gefüllt ist – dazu noch viele Beilagen und viel Auswahl an Desserts, z. B. brigadeiros.

Anschließend wird viel zusammen getanzt und gesungen, denn die Brasilianer sind grundsätzlich sehr lebhaft. Die Bescherung, auf portugiesisch troca de presentes, findet um Mitternacht statt und dazu kommen noch Feuerwerke, besonders in großen Städten um die Geburt Jesu zu symbolisieren. Außerdem findet traditionell um Mitternacht eine katholische Messe statt, die missa do galo. Am ersten Weihnachtsfeiertag stehen anschließend Besuche beim Rest der Familie und Freunden an.

„Ich würde gerne mal wieder Weihnachten in Brasilien verbringen. Es ist ganz anders als hier in Deutschland, aber trotzdem sind beide Arten zu feiern auf ihre eigene Weise toll“, sagt Gabriel D., der aus einer deutsch-brasilianischen Familie kommt und als Kind auch einige Jahre in Brasilien lebte.

Litauen, ein Land, von dem tatsächlich viele kaum etwas wissen und vor allem nicht über die Weihnachtsbräuche dort, denn es gehört eben nicht zu den ganz typischen Reisezielen für uns Deutsche, so wie Italien oder Frankreich, obwohl es eigentlich gar nicht so weit entfernt liegt.

Weihnachten in Litauen basiert bis heute auf christlichen Traditionen mit heidnischen Wurzeln. So fasten viele noch in der Zeit vor Weihnachten und putzen auch ihr gesamtes Haus, damit es am Festtag absolut sauber ist. Wenn es dunkel ist, kommt dann die ganze Familie zum Essen zusammen, dabei wird allerdings immer ein Platz am Tisch freigelassen, für verstorbene Verwandte oder Bedürftige, die spontan zum Festmahl eingeladen werden. Dieses demonstrative Zeigen der Gutmütigkeit soll dann im kommenden Jahr Glück bringen. Das Essen an Heiligabend besteht meist aus 12 Gängen – eine Symbolik für die 12 Apostel. Die Gänge sind alle ganz unterschiedlich so gibt es z. B. Suppen, Fischgerichte oder süßes Gebäck, allerdings kein Fleisch, denn das wird in Litauen erst am 1. Weihnachtsfeiertag gegessen.

Eine wichtige Tradition ist das Strohhalmziehen, wobei das Stroh unter einem Tuch die Krippe Jesu darstellen soll und die Strohhalme je nach Länge und Dicke für unterschiedliche Dinge stehen, z. B. für Wohlstand, Glück oder ein langes Leben. Natürlich kommt auch der Weihnachtsmann und verteilt Geschenke an die Kinder und nicht selten gehen die Erwachsenen um Mitternacht noch in die Kirche.

Weihnachten ist in allen Ländern und Kulturen die Zeit der Besinnung, in der man mit der Familie zusammenkommt und sich eine schöne Zeit macht. Unabhängig vom Wetter oder den Traditionen ist es wahrscheinlich für fast alle Menschen der Welt eine der schönsten Zeiten des Jahres. Wer einmal etwas Neues an Weihnachten machen möchte, kann einfach ein Multi-kulti-Fest feiern, und verschiedene Traditionen aus anderen Ländern durchführen und z. B. typisch brasilianisches Essen kochen und danach das litauische Strohhalmziehen durchführen. Frohe Weihnachten, feliz Natal und linksmų Kalėdų!

Quellen:

https://www.aventuradobrasil.de/blog/wie-feiert-man-in-brasilien-eigentlich-weihnachten/

https://www.reisetipps.cc/news/1764/so-feiert-litauen-weihnachten-und-silvester/

https://www.linguee.de/deutsch-litauisch/uebersetzung/frohe+weihnachten.html

Leben in einer Diktatur und Sehnsucht nach Freiheit – Flucht aus der DDR: Teil 2

ein Interview von Juliette Domgall, Q12

Vor einiger Zeit erschien der 1. Teil des Interviews, das man hier nachlesen kann.

„Freiheit ist doch das höchste Gut im Leben“

Im ersten Teil des Interviews von L. Bräuer über seine Flucht aus der DDR in die BRD haben wir einiges über die damalige Lebenssituation des „Grenzverletzers“, seinen Weg bis hin zur Flucht und den Abschied von seinen Mitmenschen erfahren dürfen. Zuletzt erzählte uns L. Bräuer zudem, für welches „Gepäck“ er sich vor seiner Abfahrt in die Freiheit entschied. Doch ist unserem Interviewpartner die Flucht in die BRD gelungen? Im zweiten Teil könnt ihr nun erfahren, ob es womöglich Komplikationen während der Flucht gab und ob L. Bräuer Konsequenzen aufgrund seiner Republikflucht ertragen musste. Neben den Risiken, sein Leben aufs Spiel zu setzen, klärt er uns in dieser Fortführung des Interviews darüber auf, ob er seinen Fluchtversuch bereut, ob er psychische Folgen nach der Flucht hatte und wie er die Wende miterlebte.

Herr Bräuer, wie verlief Ihre Flucht?

Mein erster Flugansatz spielte sich wie folgt ab. Ich war erst einmal an die tschechische Grenze gefahren, wo ich zunächst unter Schikanen ausgefragt wurde. Ich musste mein Motorrad komplett zerlegen und die Verkleidungen abnehmen, damit auch ja sicher gegangen werden konnte, dass ich nirgendwo etwas versteckt hatte. Dann wurde nach D-Marks und sonstigen Papieren gesucht, eben auf irgendeinen Hinweis einer Flucht. Ich war natürlich aber intelligent genug, nichts dabei zu haben. Ich wurde dann stundenlang an der Grenze aufgehalten, wobei letztendlich selbstverständlich nichts gefunden wurde. Dann durfte ich alles wieder einpacken und bin anschließend im strömenden Regen weitergefahren. In Tschechien habe ich in einer Pension übernachtet, bevor ich am nächsten Tag nach Ungarn weitergefahren bin. Dort bin ich in einem Lager am Plattensee in Zanka angekommen. In diesem ehemaligen Pionierlager wurden die DDR-Bürger erst einmal untergebracht, damit die Menschen eine Unterkunft hatten. Mein Motorrad konnte ich ebenfalls abstellen und später habe dann mit achte fremden Leuten in einem Zimmer übernachten können. Viele mögen jetzt vielleicht denken, naja, mit acht Menschen, die Einem fremd sind, übernachten – keine schöne Vorstellung. Ich war aber ganz froh, dass ich diesen Schlafplatz hatte und es was zu essen gab und ich nicht unter der Brücke schlafen musste. Zunächst war also alles erstmal gut soweit. Zu meiner Unterkunft sind dann bekannte Freunde gekommen, die 1984 per Ausreise in die BRD gegangen waren. Meine Bekannten haben in Erding gelebt und haben mich in dem Lager besucht. Also zunächst erstmal gesucht, es war ja nicht ganz so einfach, jemanden unter ca. 4000 Menschen zu finden. Als sie mich schließlich gefunden hatten, schmiedeten wir einen Plan, wie ich über die Grenze flüchten könne. Wir sind kurz darauf eines Abends losgefahren, ich hatte meine Motorradlederkombi an, habe meine Klamotten und mein Motorrad stehen gelassen und bin bei ihnen ins Auto eingestiegen, womit wir dann Richtung Grenze gefahren sind. Die Grenze war schon vorher bewacht, wo wir sogar in eine Grenzkontrolle gerieten. Dort dachte ich, jetzt haben sie mich. Ich weiß noch, wie ich mich hinter dem Rücksitz versteckt und ganz klein gemacht habe und entweder war der Grenzwächter so nett und wollte mich nicht sehen, denn es wurden nur die vorne Sitzenden kontrolliert, oder ich hatte einfach Glück. Meine Freunde meinten dann zu den Grenzwächtern, sie würden sich die Gegend anschauen wollen, hatten irgendwelche Ausreden, und dann durften wir weiterfahren. Es war schon dunkel, als wir danach an einen Waldrand gefahren sind, wo ich erstmal in den Kofferraum gestiegen bin, um nicht direkt entdeckt zu werden. Dann sind wir direkt und ziemlich nah an die Grenze gefahren. Daraufhin wollten sich die beiden erstmal die Grenzregion etwas genauer anschauen und ich sollte in der Zeit im Straßengraben warten. Dort habe ich dann auf meine Freunde gewartet, während sie Richtung Grenze gefahren sind, und leider, es gab ja noch keine Handys mit denen wir uns im voraus informieren hätten können, haben wir uns eine Gegend rausgesucht, wo wenig Wald war, Hunde mit meterlangem Laufleinen vor Ort waren, und die Grenzer tatsächlich auch Gewehre im Anschlag, also am Rücken, mit sich herumtrugen, um jederzeit schießbereit zu sein. Die Gegend war also absolut ungeeignet. Da haben wir dann beschlossen, das Ganze abzubrechen, weil es einfach zu gefährlich war. Wie gesagt, mein Leben wollte ich nicht aufs Spiel setzen. Die beiden haben mich dann zurück zum Lager gefahren, und als ich zurückkam, musste ich zunächst leider feststellen, dass mein Mottorad in dieser Nacht gestohlen worden war, was natürlich hart war, wenn man dann sozusagen gar nichts mehr hatte. Darüber war ich auch sehr traurig, bin nach all dem entmutigt in das Lager rein und habe mit meinen Bekannten aus Erding ausgemacht, dass sie das darauffolgenden Wochenende wieder kommen sollten. Sie wollten sich in dieser Zeit besser erkundigen, ob und wo es eine bessere Stelle gäbe, um die Flucht anzutreten. Ich wartete dann bis zu dem Wochenende ab, doch in der Zwischenzeit wurden wir 4000 Menschen, die den Fluchtgedanken teilten, in einer Turnhalle zusammengebracht, da es wohl Neuigkeiten gäbe. Dort wurde uns von den Leuten vom bayerischen Roten Kreuz bekannt gegeben, dass wir alle ausreisen dürften. Kohl und Genscher hätten verhandelt, dass wir alle rauskommen. Keiner sollte mehr irgendein Risiko eingehen. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis wir alle in die BRD kommen würden. In dem Lager wurde später auch eine Botschaft eingerichtet, wo wir alle unsere Ausweise und Reisepässe bekommen haben und dann hat es wirklich nur noch fünf, sechs Tage gedauert, bis es losging. Ich habe meinen Freunden für das kommende Wochenende natürlich auch abgesagt, sie würden nicht mehr vorbei kommen müssen, weil sich das Risiko nicht mehr rentierte. Und dann sind tatsächlich 80 österreichische Busse vorgefahren und haben das ganze Lager leergeräumt. Da bin ich dann mit meinen zwei Motorradkoffern, die ich ja noch übrig hatte, meinem Rucksack und meinem Helm in den Bus eingestiegen und Richtung Trostberg gefahren, was unser erstes Aufnahmelager in der Bundesrepublik war. Angekommen ging es dort zunächst sehr turbulent zu. Ich hatte grad meine Unterlagen alle beisammen, als eine Bombendrohung kam. Dafür hatte die Stasi gesorgt, um uns nochmal alle in Aufruhr zu versetzen. Wir mussten damals alles stehen und liegen lassen und wurden evakuiert. Doch auch dieses heillose Chaos haben wir überstanden. Zwei bis drei Tage später habe ich dann ein Ticket für den Zug zu meinem Onkel nach Hamburg bekommen und bin dann damit durch die ganze Bundesrepublik zu ihm gereist.

Hatten Sie Angst vor Konsequenzen?

Selbstverständlich. Die Angst war immer ein treuer Begleiter auf meiner „Reise“. Ich habe damals eine Republikflucht begangen und diese war mit viele Jahren Gefängnisstrafe ausgesetzt. Die Angst vor möglichen Konsequenzen saß mir also immer im Nacken.

Haben Sie ihre Flucht bereut?

Nein, keinen einzigen Tag.

Ich hatte damals meine Eltern in Hamburg am Bahnhof abgeholt, die zur Silberhochzeit meines Onkels kommen durften, während ich mich schon in der BRD aufhielt. Wir sind dann später gemeinsam zu den Freunden nach Erding gefahren, wo es schließlich nicht nur für mich, sondern auch aus arbeitstechnischen Gründen für meine Eltern besser als in der DDR war. So sind wir dann in der Gegend sesshaft geworden. Zuerst haben wir in einer Pension Zuflucht gefunden, die uns auch zunächst bezahlt wurde, was wir später zwar zurückzahlen mussten, aber es war zumindest erstmal eine Unterkunft. Dort haben wir dann auch erfahren, dass die Grenzen geöffnet wurden. Das war für uns erst einmal ganz fremd und erstaunlich, dass da Menschen auf der Mauer standen, diese kaputt machten und einfach rübergingen, nachdem ich ja die ganze Fluchtsituation erfahren und die Flucht in Angriff genommen hatte. Aber selbst da war keine Spur eines Gefühls von einem Wunsch, wieder zurück zu wollen. Ich habe ja auch eine super Arbeit gefunden und keinen Tag bereut, bis heute nicht.

Waren Sie vor der Wende nochmal in der DDR?

Ja, ich war gleich 1989 zu Silvester mit dem Zug nach Dresden gefahren, um meine Freunde zu sehen, weil ich es einfach nicht glauben konnte, dass die Grenzen wieder offen waren. Das war sehr erstaunlich.

Wozu brauchte man Ihrer Meinung nach mehr Mut, zu bleiben oder zu gehen?

Ich denke zum Gehen brauchte man mehr Mut. Das Bleiben war insofern einfacher, weil man das Risiko, getötet oder eingesperrt zu werden, nicht hatte. Wären die Grenzen zugeblieben, hätte jeder selbst entscheiden müssen, ob er/sie seine Gesundheit und Freiheit aufs Spiel setzten möchte, um mehr Freiheit zu erhalten. Viel freier als vorher zu sein, reisen zu könne, dafür aber so ein hohes Risiko einzugehen, das hätte jeder selbst für sich abwägen müssen, so wie es auch die Leute taten, die wie ich vor der Wende eine Grenzflucht begingen.

Kannten Sie Menschen, die bei ihrer Flucht gestorben sind oder Konsequenzen durch ihr Handeln erfahren mussten? *

Jemand, der bei seinem Fluchtversuch sterben musste, kannte ich nicht. Ich hatte jedoch eine/n Bekannte/n, die/der etwas später nach meiner Flucht versucht hat, über Polen in die deutsche Botschaft in der BRD zu kommen. Die Person war im Winter durch die Neiße geschwommen, um nach Polen zu kommen und wurde dort jedoch von polnischen Grenzbeamten aufgegriffen. Diese haben ihr/ihm anschließend gesagt, sie würden sie/ihn in die Botschaft bringen, haben sie/ihn dann aber in einem LKW in die DDR zurückgebracht. Dort wurde die Person von der Stasi erwartet, die ihre/seine Zähne ausschlugen und ihre/seine Knie mit Eisenstangen demolierten. Sie/er meinte, sie/er lag, ohne zu wissen wie lange, in einem Viehwagon mit anderen, die ebenfalls flüchten wollten, tagelang eingesperrt. Versorgt wurde er/sie nur mit Trinken. Bis heute hat die Person seelische Probleme aufgrund dieses Vorfalls.

Können/konnten Sie bei sich auch psychischen Folgen nach der Flucht beobachten?

Ich sag mal so, mich hat die ganze Flucht gestärkt. Mir wurde Gott sei Dank kein körperlicher Schaden zugefügt. Mich konnte das mental stärken. Wenn heute irgendwelche Probleme auftauchen, die vielleicht nicht ganz so schön sind, geh ich auch da gestärkter hervor und kann verschiedene Situationen auch lockerer wegstecken als andere Menschen, denke ich.

Wie haben Sie den Tag des Mauerfalls erlebt, Herr Bräuer?

Wie ich vorhin schon angerissen hatte, war es erstaunlich, wahnsinnig, dass da die Mauer gefallen ist.

Ich habe mich aber wirklich für jeden gefreut. Freiheit ist doch das höchste Gut im Leben. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, da so eingesperrt zu sein. Sicher lebte man nicht

In einem Gefängnis, aber allein der Gedanke, das ich heute hingehen darf, wo ich will, in die USA fliegen kann, wenn ich das unbedingt möchte, dann geht das. Das war damals ja nicht möglich. Ich weiß noch ganz genau, wie wir damals am 09. November 1989, wie jeden Abend, Nachrichten geschaut haben, und beobachten durften, wie dieses Missverständnis, ausgesprochen von Günter Schabowski die Grenzen öffnete. Unfassbar.

32 Jahre Deutsche Einheit, wie fühlt sich das für Sie an?

Für mich, ich bin beruflich sehr viel in Deutschland unterwegs, fühlt es sich jedes Mal gut an, wenn ich zum Beispiel auf Autobahnschildern Stuttgart oder Heilbronn lese, diese ganzen westdeutschen Gebiete und Städtenamen. Ich habe auch viel in Berlin zu tun und gehe dort auch fast jedes Mal durch das Brandenburger Tor, vor dem ich früher als kleiner Junge immer davor gestanden bin. Es ist jedes Mal wunderschön.

Trotz Mauer, Stacheldraht, Schießbefehl und schwerer Konsequenzen nahmen viele DDR-Bürger das Risiko auf sich, zu flüchten.  Die Flucht in den Westen stimmt in gewisser Weise sehr gut dem Sprichwort „Viele Wege führen nach Rom“ zu, da hier die Möglichkeiten vielfältig waren, sowie auch die Gründe für solch eine Tat, die sich sehr individuell gestalteten. Nachdem die SED das Grenzregime ausbaute, ihre Kontrollsysteme ausweitete und mehr Personal zur Grenzsicherung herangezogen wurde, konnten in den 1980er Jahren ca. 80% der Grenzverletzer bereits vor Erreichen der Grenze verhaftet werden. L. Bräuer hat es geschafft und wurde mit seiner erfolgreichen Republikflucht zum Zeitzeugen für uns. Jemand, der uns vielleicht etwas näher bringen kann, wie gut wir es haben und welches Privileg wir heute in Deutschland genießen, in Freiheit leben zu können. Vielen Dank Herr Bräuer für das aufschlussreiche und interessante Interview.

*Hier wird aus Datenschutzgründen kein Name oder Geschlecht genannt.

Podcast: Freitag

Immer auf Empfang? – Die schlaflose Gesellschaft Theo.Logik – Religion inside

Globalisierung und Digitalisierung verändern die Art und Weise, wie wir arbeiten. Tablets, Smartphones und Computer prägen unseren Alltag. In der 24-Stunden-Nonstop-Gesellschaft sind wir oft rund um die Uhr erreichbar. Unsere Gesellschaft macht eine erholsame Nachtruhe schwierig, immer mehr Arbeitnehmer leiden unter Stress und klagen über Erschöpfung. Ein- und Durchschlafstörungen plagen viele Menschen. Vorbilder fehlen, denn wenn schwierige Entscheidungen anstehen, dann treten Politikerinnen und Politiker mit blassen Gesichtern und tiefen Augenringen vor die Kameras. Zu wenige Stunden haben sie im Bett verbracht, die ganze Nacht verhandelt. Die schlaflose, rastlose Gesellschaft – wie kommen wir aus dieser Stressspirale?

Podcast: Donnerstag

Das Juwel im Recht – 75 Jahre Bayerische Verfassung Die Landespolitik

Bund und Länder einigen sich auf Corona-Regeln/Impfverweigerer bei der Bay. Polizei/Bürgerkriegs-Phantasien bei der AfD/75 Jahre Bayerische Verfassung/Interview mit dem Lehrstuhlinhaber für Bayerische Geschichte Prof. Ferdinand Kramer

32 Jahre Mauerfall & wiedervereinigtes Deutschland – oder doch nicht ganz?

Tausende Menschen jubeln sitzend oder stehend auf der Berliner Mauer – einer Mauer und Trennline zwischen der vierzig Jahre lang getrennten ehemaligen BRD und DDR. Die Bilder aus der Nacht vom 9. November 1989 werden verbunden mit Freude, Spannung, Freiheit und allen voran mit einem Ende der deutschen Teilung. Doch mit Blick auf sowohl die Jahre zur Zeit der Mauer als auch auf die Jahre danach stellt sich die Frage:  Inwiefern kann man Deutschland heutzutage 32 Jahre nach Mauerfall wirklich als vereinigt bezeichnen?

Rückblickend konnte man vermutlich schon zu Beginn feststellen, dass sich nach der Aufteilung Deutschlands durch die vier Besatzungsmächte nach Kriegsende 1945 und schließlich der Gründung der Bundesrepublik Deutschlands (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die beiden Staaten in verschiedene Richtungen bewegen würden. Denn somit gab es nicht nur zwei Staaten unter unterschiedlicher Führung, sondern auch hinsichtlich der politischen Systeme sowie der Wirtschaft wurden die Unterschiede zwischen den beiden Staaten im Laufe der Jahre zunehmend größer. Während auf der einen Seite die BRD eine Westintegration anstrebte und sich zu einer parlamentarischen Demokratie entwickelte, baute sich auf der anderen Seite in der DDR eine politische Führung unter der SED nach marxistisch-leninistischem Vorbild auf. Im Gegensatz zur BRD, in der durch finanzielle Hilfen auch im Hinblick auf den Marshall-Plan bald ein wirtschaftlicher Aufschwung möglich war, wuchs in der Bevölkerung der DDR aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Bedingungen und Lebensverhältnisse infolge des Scheiterns des Systems der Planwirtschaft Unruhe. Bis nach dem Fall der Berliner Mauer und der formellen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 Deutschland wieder vereinigt war. Oder etwa doch nicht ganz?

Zunächst stellte die Vereinigung des kapitalistischen Wirtschaftssystems der BRD mit einem sozialistischen Staat und die Angleichung des Lebensstandards eine große Herausforderung dar. Einerseits ermöglichte eine finanzielle Unterstützung der neuen Bundesländer durch die ehemalige BRD mit Fonds Deutscher Einheit und dem Solidaritätszuschlag die wirtschaftliche Situation im Osten zu verbessern. Während beispielsweise 1990 das Pro-Kopf-Einkommen im Osten im Vergleich zu Westdeutschland bei rund 43 Prozent lag, erreichte 2020 die Wirtschaftskraft der neuen Bundesländer im Bundesdurchschnitt rund 81 Prozent. Zudem gleichen sich die Rente weiter an und die Differenz der Arbeitslosenquoten zwischen den beiden ehemaligen Staaten wird immer geringer. Im Gegensatz zu 2005, als die Arbeitslosenquote aller Erwerbstätigen in den alten Bundesländern bei 9,9 Prozent lag und die der ehemaligen DDR bei 18,7 Prozent, stellte man im Jahr 2020 bei 5,6 Prozent in den alten und 7,3 Prozent in den neuen Bundesländern nur noch einen geringen prozentualen Unterschied fest. Außerdem ist positiv anzumerken, dass schon 1995 im Osten etwa 90 Prozent aller Haushalte mit Telefonanschlüssen ausgestattet wurden und auch der Ausbau der Infrastruktur in allen Bereichen kontinuierlich voranschreitet.

Doch mehr als 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist noch immer ein Rückstand zu Westdeutschland zu erkennen.

Auch wenn das Nettogesamtvermögen privater Haushalte in der ehemaligen DDR seit der Wiedervereinigung insgesamt angestiegen ist, ist noch immer ein großer Abstand zu den alten Bundesländern erkennbar. Beispielsweise wiesen die privaten Haushalte der neuen Bundesländer im Jahr 2018 rund 33 Prozent an Nettogesamtvermögen auf, während das der ehemaligen BRD um die 47 Prozent betrug. Wenngleich die Arbeitslosigkeit im Osten seit 1990 gesunken ist, herrscht dort ein noch größerer massiver Fachkräftemangel als im Westen. Dies liegt nicht nur an der Abwanderung von vor allem junger ehemaliger DDR-Bürger in den Jahren nach der Wiedervereinigung, sondern auch daran, dass der Anteil an ausländischer Zuwanderung in den neuen Bundesländern beispielsweise im Jahr 2019 fast drei Mal geringer war, wie in den alten Bundesländern. Dieser erhebliche Unterschied bringt nicht nur mit sich, dass im Osten kaum ausländische Fachkräfte den Fachkräftemangel beheben können, sondern somit wird auch die Problematik des demografischen Wandels im Osten zusätzlich verstärkt.
Vor allen Dingen erlebten viele ehemaligen DDR Bürger die Jahre nach dem Mauerfall eher als eine Angleichung an den Westen als eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe.

Eine Angleichung der DDR, einem Staat mit einem anderen politischen und wirtschaftlichen System, an die damals viel weiter entwickelte BRD und ihren hohen Lebensstandard.

Eine gewisse Diskrepanz zwischen dem früher getrennten Osten und Westen ist heute noch immer sowohl spürbar als auch an statistischen Daten erkennbar. Jedoch sollte man abschließend nicht vergessen, dass praktisch über Nacht eine Mauer fiel, die zwei Staaten 28 Jahre lang voneinander trennte. Anschließend galt zwei politisch als auch wirtschaftlich unterschiedliche Gesellschaften miteinander zu „vereinen“ und diese Herausforderung wurde in den letzten Jahren eindeutig angegangen. In den letzten 32 Jahren nach Mauerfall gab es also deutliche Fortschritte, sodass wir heute einem wieder vereinten Deutschland leben – vielleicht nicht ganz, aber doch zu einem bemerkenswerten Teil.

Quellen:
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Neue-Laender/jahresbericht-zum-stand-der-deutschen-einheit-2020.pdf?__blob=publicationFile&v=14
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Neue-Laender/2021-jahresbericht-der-bundesregierung-zum-stand-der-deutschen-einheit-jbde.pdf?__blob=publicationFile&v=10
https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47436/einkommen-und-vermoegen
https://www.ddr.center/neue_bundeslaender.html
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Neue-Laender/studie-vielfalt-der-einheit.pdf?__blob=publicationFile&v=6
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/1949-1990-geteiltes-deutschland-und-wiedervereinigung-363570
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/die-wirtschaftliche-lage-der-ddr-vor-der-wende-1989-317236
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/bericht-stand-der-einheit-2021-1939552
https://www.cicero.de/innenpolitik/30-jahre-wiedervereinigung-deutsche-einheit-bilanz-ddr-brd
https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/vergleich-ost-west-rente-abwanderung-gender-paygap-lohn-betreuung-kita-100.html



Podcast: Mittwoch

#02 Ludwig Erhard – Der Anti-Politiker Kanzlercast

Der Vater des Wirtschaftswunders scheitert als Kanzler. Kann der Fall Erhard uns immer noch als Warnung dienen, dass Fachleute und Experten selten gute Politiker abgeben?

Podcast: Dienstag

Umbruch 33: Wie Unterseekabel die Welt verbinden Das Computermagazin

Tonga, einen Inselstaat im Südpazifik wurde im Januar 2019 vom weltweiten Datenfluss abgekappt. Ein Schiff hatte beim Hieven des Ankers das Unterseekabel beschädigt. Doch nicht nur Tongas Internet hängt von solchen Leitungen ab, die quer durch die Meere verlaufen. Ohne Unterseekabel wäre unser weltweiter Informationsfluss gar nicht denkbar.

Podcast: Montag

Familienpolitk und Kinderrechte: Anne Spiegel, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Bündnis 90/Die Grünen) Aktuelle Interviews

"Wir müssen dringend handeln und ich bin sehr froh, dass wir im Koalitionsvertrag die Kindergrundsicherung stehen haben, dafür habe ich jahrelange gekämpft. Und mit der Kindergrundsicherung werden wir viele, viele Kinder und Familien aus der Armut holen können, weil es ganz konkret mehr finanzielle Unterstützung des Staates für Familien und Kinder ergibt", so Spiegel.

Podcast: Freitag

Anschläge, Rückkehrer, Schläfer – wie gefährlich ist der IS heute noch? Dossier Politik

Um den IS scheint es ruhiger geworden zu sein. Doch der Eindruck täuscht: Der Terror hat sich verlagert auf Afrika und den Nahen Osten. Bei Anschlägen, die dem IS zugerechnet werden, wurden allein dieses Jahr mehr als 600 Menschen getötet. Deutschland versucht unterdessen IS-Rückkehrer zur Verantwortung zu ziehen.