Archiv für den Monat Juli 2021

Wie „schwul“ ist das denn?

ein Kommentar

„Nein, das ziehe ich nicht an. Das sieht schwul aus.“

„Der Typ ist so ein Schwuchtel.“

„Ne. Mache ich nicht. Ist ja voll schwul.“

Solche Sätze hört man leider immer häufiger auf den Straßen oder in dem eigenen sozialen Umfeld. Vor allem bei jüngeren Schülern scheinen diese Formulierungen beliebt zu sein. Erst gestern ist ein Junge, nicht älter als zwölf, an mir vorbeigelaufen und hat mir laut „schwul, schwul, schwul“ zugerufen, ohne einen Hintergedanken zu verschwenden, was das, was er da sagt, eigentlich bedeutet. Natürlich bin ich sehr verwirrt gewesen, da ich anfangs nicht realisiert habe, dass er mich, ein Mädchen, meint. Warum ist schwul als Schimpfwort in unserer Gesellschaft so verbreitet? Ich beschäftige mich mit dieser Frage schon lange, zumal ich „schwul“ in einem negativen Kontext auch in meinem Kontaktkreis ein paar Mal gehört habe. Wenn ich es dann anspreche, sagt man, ich solle mich nicht so anstellen, ich sei ein Spießer oder es werden einfach nur die Augen verdreht. Ich allerdings finde, es ist ein Fehler, das Wort „schwul“ als Schimpfwort zu verwenden und ein Problem, das angesprochen werden muss.

Die britische Journalistin Amy Ashenden hat eine Dokumentation mit dem Titel „The Gay Word“ gedreht, in der sie unter anderem Straßenumfragen durchgeführt hat und dabei wissen wollte, ob das Wort „gay“, also „schwul“, in einem negativen Sinne gebräuchlich ist und warum. Viele der Befragten meinten, sie benutzen Ausdrücke wie „Das ist ja schwul“, denken dabei aber nicht an Schwule oder sind homophob. Ich denke, die meisten Jugendlichen meinen es nicht auf eine homophobe Weise und denken wahrscheinlich auch gar nicht an schwule Leute, genau wie die Teenager in der Umfrage, aber genau das ist das Problem. Wenn man das Wort „schwul“ konstant in Verbindung mit etwas Schlechtem oder Falschem hört, fängt man möglicherweise an zu denken, es ist wirklich etwas Schlechtes oder Falsches. Gerade bei Leuten, die nicht viel Erfahrung mit diesem Thema haben oder Schwierigkeiten ihre Sexualität herauszufinden, kann das schwerwiegende Folgen haben. Nehmen wir als Beispiel einen 14-jährigen Jungen, der sich seiner Sexualität nicht ganz sicher ist und sich vielleicht zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt. Welche Botschaft bekommt nun dieser Junge, wenn alles, was uncool ist oder nervt, als „schwul“ gilt? Er bekommt die Botschaft, mit ihm stimmt etwas nicht oder schwul zu sein ist etwas, für das man sich schämen müsste.

Was ich auch oft höre, wenn ich Leute auf ihre nicht passende Formulierung anspreche, ist die Antwort „Ja, das sagt man halt so…“ Tatsächlich benutzen viele Menschen, vor allem Teenager, das Wort „schwul“ abwertend, weil sie in einem Umfeld aufwachsen, indem es schlichtweg normal ist, was einige der jungen Erwachsenen bei der Umfrage ebenfalls als Begründung angegeben haben. Klar, wenn es jeder um dich herum sagt, wird der eigenen Sprachgebrauch natürlich beeinflusst. Insbesondere unter gleichaltrigen Jugendlichen ist das der Fall. Ich persönlich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass die eigenen Eltern oder Großeltern „schwul“ als eine Beleidigung benutzen würden. Auch in der Dokumentation waren die älteren Befragten vielmehr verwundert, warum „schwul“ überhaupt in einem abwertenden Kontext verwendet wird, da ihnen das nie in den Sinn gekommen wäre. Ein älterer Herr meinte: „‘Gay‘ means happy and beautiful. It should have no other meaning.” (dt: “’Schwul’ bedeutet ‚glücklich‘ und ‚wundervoll‘. Es sollte keine andere Bedeutung haben.“)

Dieser Dokumentarfilm wurde damals in Großbritannien gedreht, wo das Wort „gay“ früher noch eine ganz andere Bedeutung hatte, wie dieser Herr klargemacht hat. Das Problem des Missbrauchs dieses Wortes ist gegenwärtig nicht nur bei uns in Deutschland präsent, sondern auch global.

Trotzdem gibt es meiner Meinung nach Wege etwas dagegen zu tun. Da die Schule eine der Hauptinstanzen ist, wo Jugendliche zusammenkommen und sich hier auch sprachlich beeinflussen lassen können, sollte man schon dort anfangen, Kinder über die LGBTQ-Gemeinschaft aufzuklären. Wenn man offen darüber redet und Lehrer es öfter thematisieren, wird sich ein stärkeres Bewusstsein und eine Akzeptanz über sexuelle Vielfalt entwickeln. Einfach schon in der Schule Konversationen über die Identität oder Beziehungen anzuregen, wäre bereits ein Schritt in die richtige Richtung. Zwar nur ein kleiner, aber immerhin besser als gar keiner. Denn wenn man nichts tut, wird auch „schwul“ leider weiterhin für viele ein Schimpfwort bleiben.

Antisemitismus in Deutschland – ein Phänomen der NS-Zeit?

Racism, Black Lives Matter, African-American, Equality

Antisemitismus ist mehr als Fremdenfeindlichkeit, auch mehr als ein soziales oder religiöses Vorurteil. Er ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz jüdischer Personen die Ursache aller Probleme sieht, kurz gesagt – Judenhass. Die jüdische Geschichte, so reichhaltig sie auch ist, ist von jeher von Ausgrenzung, Hass und Gewalt geprägt.

Antisemitismus ist nicht allein ein Phänomen der NS-Zeit, sondern ist bereits seit dem frühen Mittelalter in Deutschland zu finden. Als schließlich Hitler im Jahre 1933 die Macht ergreift, setzt eine Vernichtungspolitik in noch nie gesehenem Ausmaß ein, die zur Ermordung von etwa sechs Millionen Juden führt. Der Judenhass, der sich im Zeitalter des Nationalsozialismus ins Unermessliche steigert, äußert sich durch Maßnahmen wie gewaltsame Verfolgung, gesetzliche Diskriminierung, Deportation der Juden bis hin zur systematischen Judenvernichtung. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten leben circa 500.000 Juden im Deutschen Reich, was weniger als ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmacht. Auf die mühsam errungenen Rechte, die die jüdische Gemeinschaft nach und nach erlangte und den daraus resultierenden Erfolg der Juden in Wirtschaft und Kultur in diesen Zeiten, folgt Neid, welcher zu zunehmendem Antisemitismus und stark ausgebildeten Stereotypen führt. 1935 werden deutsche Juden durch eine antijüdische Gesetzgebung ihrer Grundrechte beraubt. Die ökonomische Benachteiligung wird durch Boykotte, Entlassungen, Berufsverbote und Enteignungen sichtbar und immer mehr Juden verlassen Deutschland. 1938 äußert sich der Judenhass erneut in extremeren Formen. Antisemitische Kräfte radikalisieren sich weiter und die Lage spitzt sich in der Reichspogromnacht, in der die Zerstörung jüdischer Gebäude und Verhaftungen jüdischer Bürger ihren Höhepunkt erreicht, zu. Im Zuge der Novemberpogrome werden etwa 26.000 Juden aus ganz Deutschland in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen gebracht. Die jüdische Bevölkerung wird von da an in einem nie da gewesenen Ausmaß verschleppt und diskriminiert. Die jüdische Emigration wird zur Massenflucht. Ab Oktober 1941 werden die verbliebenen 163.000 Juden systematisch aus dem Deutschen Reich deportiert und ca. zwei Millionen Juden aus Deutschland und verbündeten Staaten kommen bis Kriegsende 1945 in Vernichtungslagern ums Leben. Im sogenannten Holocaust erleiden insgesamt etwa sechs Millionen Juden den Tod. Auch Landshuter Bürger werden zu dieser Zeit Opfer des Antisemitismus. Martin Ansbacher erzählt in einem Interview von den Qualen und Erniedrigungen, die sein Vater damals im Arbeitslager Dachau erlitt: „Eines Tages brach mein Vater neben mir während des Appells zusammen, und natürlich half ich ihm auf. Sofort schreit mich ein SS-Mann an: „Wieso hilfst du diesem Juden?““ Obwohl Dachau kein Vernichtungslager gewesen ist, werden es die Wenigsten lebend oder unverletzt entlassen: „Schließlich wurden wir entlassen und konnten mit dem Zug nach Hause fahren. Am Morgen danach bekam ich Fieber und schlimme Rückenschmerzen. Der Doktor diagnostizierte eine Nierenentzündung. Tagelang, wochenlang, litt ich Höllenquallen.”

Antisemitismus – ein Phänomen, welches vor allem mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. Mittlerweile lebt in Deutschland wieder die drittgrößte jüdische Gemeinschaft Europas und dennoch ist Antisemitismus auch heute noch in Teilen der Bevölkerung verankert. 2017 in Berlin: Augenzeugen berichten von offener Holocaust-Leugnung und der Verbrennung israelischer Flaggen. Traditionelle antisemitische Vorurteile, sekundärer Antisemitismus und israelbezogener Antisemitismus sind hier nicht selten zu finden. Dies ist nur ein Beispiel von vielen: Im Mai 2021 wird in Mannheim eine Synagoge beschädigt. In Berlin, Würzburg und Solingen wird die von der Regierung gehisste Israel-Flagge gestohlen und beschädigt. In Gelsenkirchen müssen Demonstrationen gegen die Politik Israels unter palästinischer und türkischer Fahne gestoppt werden. Von Seiten der Politik heißt es „Null Toleranz“ gegenüber Judenfeindlichkeit, so Heiko Maaß. Auch Franz-Walter Steinmeier betont, dass das Grundgesetz zwar das Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit garantiere, dass die Verbrennung von Fahnen mit Davidstern und das Brüllen antisemitischer Sprüche aber nicht nur als Missbrauch der Demonstrationsfreiheit, sondern als Straftat gelte und verfolgt werden müsse. Der wieder zunehmende Antisemitismus sorgt für Angst unter den Leuten. Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach sagt: „Für unsere Mitglieder, die zu einem großen Teil aus der ehemaligen Sowjetunion kommen, ist das beängstigend und emotional schwer zu verkraften.“ Nachdem vor kurzem auch in Bonn vor einer Synagoge eine israelische Flagge brennt, äußert sich nun ebenfalls die Vorsitzende der Synagogengemeinde Bonn: „Es ist mir egal, woran die Leute glauben. Aber leider sind es immer wieder junge islamistische Männer, die uns Juden angreifen.“ Der Antisemitismus komme jedoch von allen Seiten, auch von Rechten, Linken und aus der Mitte der Gesellschaft. „Die Menschen kennen keine Juden und hassen sie trotzdem.“ Einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte nach sind 41 % der jüdischen Befragten in den letzten 12 Monaten von antisemitischen Übergriffen betroffen gewesen. Die Kriminalität von Judenhassern hat 2019 den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten erreicht. Die Polizei registriert in diesem Jahr etwa 2000 antisemitische Straftaten, die vor allem rechts-konservativen Tätern zuzuordnen sind. 2020 steigt diese Zahl auf ca. 2350 und damit erneut auf eine Höchstzahl. Auch jüdische Jugendliche haben in Schule und Freizeit unter antisemitischen Äußerungen zu leiden. „Du Jude“ als Schimpfwort gehört auf vielen Pausenhöfen zum festen Sprachgebrauch, so Iris Berben. Unter körperlichen Angriffen hat ein Schüler aus Frankfurt am Main aufgrund des öffentlichen Tragens der Kippa zu leiden. Ein anderer Schüler äußert den Wunsch „nicht auf die Welt gekommen zu sein“, den der tägliche Antisemitismus in ihm auslöst. Antisemitismus beziehungsweise Rassismus führt laut ihm dazu, „dass man sich selbst nicht mag“. Auch Julia Bernstein thematisiert die Problematik in ihrem Buch „Antisemitismus an Schulen in Deutschland“. Sie berichtet beispielsweise von Aussagen eines Lehrers, welcher wörtlich zu einem seiner Schüler sagt: „Wenn alle Juden sind wie du, dann kann ich Hitler verstehen.“ Auch innerhalb der Klassengemeinschaft sind jüdische Schüler vor antisemitischen Äußerungen nicht sicher. Die einen leugnen den Holocaust, die anderen meinen „der Mitschüler hätte mit vergast werden sollen“.

Antisemitismus ist im Laufe der Zeit zwar offensichtlich zurückgegangen und im Ausmaß der NS-Zeit nie wieder vorgekommen, dennoch ist er nicht verschwunden. Die Allgegenwärtigkeit des Judenhasses ist vielen Deutschen nicht bewusst und doch bekommen ihn viele jüdische Bürger täglich zu spüren. Das Bild völliger Gleichberechtigung und das Ablegen von Vorurteilen Juden gegenüber ist eine utopische Illusion. Antisemitismus ist kein Phänomen aus der Vergangenheit, das getrost vergessen werden kann. Er ist immer noch gegenwärtig und wird auch von Seiten der deutschen Politik weiterhin bekämpft.

Quellen: https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/hey-ich-bin-jude-104.html https://www.annefrank.org/de/anne-frank/vertiefung/was-ist-der-holocaust/ https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/gerettete-geschichten/177625/vertreibung-und-vernichtung-der-juden-aus-dem-deutschen-reich https://gymnasium.seligenthal.de/827/articles/1037 https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/juedischesleben/ https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Antisemitismus_bis_1945 https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37966/aktuelle-phaenomene-stroemungen-debatten https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/polizei-antisemitismus-synagogen-101.html https://www.tagesschau.de/inland/antisemitismus-nahost-konflikt-101.html https://www.tagesspiegel.de/politik/rekordzahl-antisemitischer-kriminalitaet-in-deutschland-straftaten-von-judenhassern-auf-hoechstem-stand-seit-2001/25863836.html https://mediendienst-integration.de/desintegration/antisemitismus.html https://www.lpb-bw.de/reichspogromnacht#c13981 https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37945/was-heisst-antisemitismus https://gymnasium.seligenthal.de/827/articles/1037 Ehm, Matthias: Abitur Skript Geschichte Gymnasium Bayern. Stark Verlag GmbH, 2020