„Am reichsten ist der, der am wenigsten braucht.“ – Seneca
In einem deutschen Haushalt befinden sich durchschnittlich 10.000 Gegenstände1. Diese Information lässt auf eine Auffassung von Reichtum in der heutigen Zeit schließen, die von dem obenstehenden Zitat abweicht. Doch in den letzten Jahren hat sich ein Trend entwickelt, der wieder auf Senecas Ansicht zusteuert: Minimalismus.

Vor etwa 150 Jahren hat sich Deutschland in der Zeit der Industrialisierung befunden, in der eine Klassengesellschaft vorgeherrscht hat. Damals sind sich die Bourgeoisie, die reichen Besitzer der Produktionsmittel, und die verarmten Proletarier, die von den Fabrikherren abhängig gewesen sind, gegenübergestanden. Zu dieser Zeit hat Distinktionskonsum, also der Konsum, welcher die Zur-Schau-Stellung von Reichtum und Status zum Ziel hat, eine große Rolle in der Bourgeoisie gespielt. Die Arbeiter, welche größtenteils nahe am Hungertod gestanden sind und sich den minimalsten Wohnraum mit anderen Familien geteilt haben, haben somit Reichtum und auch materiellen Besitz als etwas Erstrebenswertes aufgefasst, da sie es mit dem Ende von Hunger und Leid und somit dem Erlangen von Glück assoziiert haben.
In der freien Marktwirtschaft, bei der das Angebot durch die Nachfrage diktiert wird, wird von dieser Assoziation gebrauch gemacht, um den Markt anzukurbeln. In etlichen Werbeanzeigen wird der Konsum des beworbenen Produktes direkt oder indirekt in Verbindung mit Glück und Freude gebracht, weil sich danach viele Menschen sehnen, und das ist teilweise keine leere Versprechung, da durch die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin eine kurzzeitige Zufriedenheit nach einer Kaufhandlung eintritt2. Deshalb kann Konsum als Kompensationstechnik verwendet werden. Jedoch hängt Glück nicht nur von externen Einflüssen ab. Langfristiges Glück kommt von innen. Und so entsteht ein Teufelskreis. Man konsumiert, um glücklich zu werden und wenn der Dopaminschub abgeklungen ist, konsumiert man das nächste, um wieder das Gefühl von Freude zu verspüren. Man jagt sozusagen eine Illusion.
Was viele Menschen nicht wissen, ist, dass übermäßiger Besitz und die damit einhergehende Unordnung auch negative Auswirkungen auf die Psyche haben kann. Während manche Menschen bei Unordnung ein kreatives Hoch erleben, wird bei anderen die Denkleistung eingeschränkt. Die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, kann durch die Ablenkung, die Unordnung darstellt, bei ihnen sinken. Hinzu kommt, dass beispielsweise ein unordentliches Schlafzimmer den Schlaf stören kann, und es ist bewiesen, dass man in einer unordentlichen Umgebung öfter zu Süßigkeiten greift, als in einer ordentlichen Umgebung. Zudem steigt bei Frauen der Cortisolspiegel und damit auch Stress3. Außerdem wird beobachtet, dass in Gegenden, in denen viele Menschen leben, die einen hohen finanziellen Wohlstand haben, die Lebenszufriedenheit entgegen aller Annahmen nicht immer weiter wächst, sondern die Wahrscheinlichkeit vom Erleben von Stress, Depressionen, Burnout und Orientierungslosigkeit steigt4. Das alles kann von der Reizüberflutung des Gehirns stammen, das mit der Verarbeitung von all den Genüssen, mit denen es ständig konfrontiert wird, überfordert ist.
Wie kann man dem also entgegenwirken?
Für einige lautet die Antwort ganz einfach: Minimalismus. Das ist eine Lebensweise, bei der man den Besitz auf das Nötigste reduziert und den Fokus auf das Wesentliche rückt. Einige bringen diese Lebensweise auch mit Freiheit in Verbindung, da man ohne materiellen Ballast lebt. Jedoch sieht Minimalismus nicht für alle, die ihn praktizieren, gleich aus. Manche geben sich damit zufrieden, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, und kommen mit nur 100 Besitzgegenständen aus, andere besitzen alles, was nötig ist, um ein für sie komfortables Leben zu führen, in dem sie diversen Hobbies nachgehen und Freude daran haben, ihre 20 Sommerkleider mit dreißig Paar Schuhen zu stylen. Der gemeinsame Nenner für Minimalisten ist wahrscheinlich, dass sie die Gegenstände, die sie nicht benötigen, aus ihrem Leben verbannen. Das fällt jedoch vielen schwer, da oft eine emotionale Bindung zu Besitztümern vorherrscht, zumal sich einige Menschen durch ihren Besitz zumindest teilweise definieren. Eine Methode, diese Schwierigkeit zu überwinden, ist beispielsweise, die Dinge, die man seit einem halben Jahr nicht mehr benutzt hat, zwischenzulagern, und wenn man sie nicht vermisst, sich endgültig von ihnen zu verabschieden. Und danach sollte man sich natürlich keine neuen, trendbedingten Dinge anschaffen, die nach einen Monat nicht mehr angeschaut werden.
Und wie kommt man jetzt, wo das illusorische Glück, das Konsum verspricht, beseitigt ist, zu echtem Glück? Wie bereits erwähnt, kommt wahres Glück von innen. Das ist auch die einzige und sicherste Möglichkeit, in einem zufriedenen Zustand zu bleiben, denn äußere Einflüsse sind ständig im Wandel. Um es freizulegen, bedarf es allerdings ein wenig Arbeit mit sich selbst. Es gibt etliche Methoden zur Persönlichkeitsentwicklung, für die sich jeder individuell entscheiden kann. Beispiele dafür sind Hobbies entdecken und ihnen nachgehen, Tagebuch schreiben, sich mit Freunden treffen oder sogar Therapie. Der wichtigste Schritt ist aber, sich selbst kennenzulernen und auf seine Bedürfnisse zu achten, damit man nicht von äußeren Faktoren für Glück abhängig ist. Und vielleicht wird man dann langfristig reich, so, wie Seneca das gemeint hat.
Quellen:
- Vgl. https://www.dieklimawette.de/news-challenges/detail/weniger-ist-mehr-challenge#:~:text=W%C3%A4hrend%20ein%20durchschnittlicher%20Haushalt%20in,10.000%20Gegenst%C3%A4nde%20(statistisches%20Bundesamt)
- Vgl. https://www.sueddeutsche.de/wissen/kaufen-sucht-gehirn-dopamin-1.4222443#:~:text=Nach%20jedem%20Einkauf%20wird%20im,Dopamin%20ausgesch%C3%BCttet%2C%20die%20k%C3%B6rpereigne%20Gl%C3%BCcksdroge.&text=Der%20Mensch%20mag%20sich%20aus,Einkaufen%20im%20Internet%20so%20gef%C3%A4hrlich
- Vgl. https://corinna-rose.de/blog/unordnung-studien#:~:text=Unordnung%20sch%C3%BCttet%20bei%20Frauen%20Stresshormone,Unordnung%20um%20sie%20herum%20herrscht
- Vgl. https://www.deutschlandfunkkultur.de/anders-leben-freiheit-durch-weniger-konsum-100.html